HWWI Update 03 2012

Entwicklungspolitik

Effektive Hilfe? – Zur Entwicklungspolitik der EU

von Steffen H. Gröning

Schenkt man den politischen Amtsträgern Gehör, so bleibt kein Zweifel an den hehren Motiven der gewählten Vertreter: Dirk Niebel (FDP), Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, hat am 25. Februar diesen Jahres seine Wertschätzung für die Entwicklungszusammenarbeit bekanntgegeben. Dort könne an „allen relevanten Zukunftsthemen“ gearbeitet werden. Vor allem durch Hilfe zur Selbsthilfe soll Entwicklung gefördert werden. Auch die Europäische Union (EU) bekennt sich klar zur Entwicklungszusammenarbeit.

Mit 49 Mrd. Euro allein 2009 ist die EU der größte Geldgeber für Entwicklungshilfe weltweit (EU, 2012). Darüber hinaus haben sich die EU sowie 189 Regierungschefs zu den Zielen der Millenium Development Goals (MDG) bei dem United Nations Millennium-Gipfel im Jahr 2000 bekannt. Grob zusammengefasst geht es dabei um eine drastische Reduzierung der Armut und weitere, teilweise erhebliche Verbesserungen im Entwicklungsbereich, zum Beispiel ein allgemeiner Zugang zu Primärbildung und die Halbierung extremer Armut, binnen 15 Jahren, also bis 2015. Heute, im Jahr 2012, verbleibt nicht mehr viel Zeit und Deutschland als auch die EU müssen sich fragen lassen, ob alles getan wurde, um die Ziele zu erreichen.

Die Zahlen zeigen jedoch in die richtige Richtung. So stieg der allgemeine Zugang zu Primärbildung von 83 % in 2000 auf 88 % in 2007 und die Zahl derer, die in extremer Armut leben, ist von 1,8 Mrd. auf immerhin 1,4 Mrd. in 2010 gesunken. Vielleicht sind daher die Forderungen nach mehr Entwicklungshilfe zahlreich und nicht zu überhören. Dennoch sind die Zielvorgaben, sollen sie bis 2015 erreicht werden, noch immer ambitioniert. Es muss daher, ebenfalls auf Grundlage der Zahlen, die Frage gestellt werden, ob die bisherigen Bemühungen gerechtfertigt sind.

In der Wissenschaft ist die Wirksamkeit von Entwicklungshilfe ein viel diskutiertes Thema. Bei rein monetären Ansätzen spielt die Fungibilität des Geldes eine Rolle. Darunter verstehen Ökonomen die Austauschbarkeit von monetären Zuwendungen und eine damit einhergehende Unterwanderung eventueller Zweckbindungen von Hilfsgeldern. So sind Probleme der Effizienz nicht unbekannt; es erscheinen immer wieder Studien, die sogar einen negativen Einfluss von Entwicklungshilfe in den Daten nachweisen können (vgl. zum Beispiel Gröning/Busse, 2009). Dort werden vor allem Faktoren wie Rent Seeking, Korruption etc. als Ursachen ausgemacht.

Ein alternativer oder zumindest komplementärer Ansatz, der in Verwandtschaft mit dem Konzept der Hilfe zur Selbsthilfe steht, ist die von der Welthandelsorganisation (WTO) 2005 initiierte Aid for Trade-Initiative. Sie soll Entwicklungsländern ermöglichen, Vorteile, die aus der Liberalisierung des internationalen Handels entstehen, zur Entwicklung zu nutzen (vgl. zum Beispiel Agboghoroma et al., 2009). Dabei sollen vor allem die Fähigkeiten der Entwicklungsländer gestärkt werden, sodass sie ihre Entwicklung eigenständig vorantreiben können.

Ebenfalls in diese Richtung gehen Bemühungen der EU, die traditionellen Bindungen mit den AKP-Staaten (Afrika, Karibik, Pazifik) zur Förderung von Entwicklung zu stützen, indem eine rein ökonomische Betrachtungsweise des Handels mit einer entwicklungspolitischen gekoppelt wird (siehe dazu Borrmann et al., 2007). Weiterhin werden auch neue Handelsabkommen unterzeichnet, wie zum Beispiel zur Euro-Mediterranen Freihandelszone, das 2002 in Kraft trat und graduell bis 2014 seine volle Wirkung entfalten soll. Eine Untersuchung von Gröning und Busse (2011) zeigt jedoch, dass auch hier die Auswirkungen für Entwicklungsländer durch solcherlei Abkommen bisher eher zaghafter Natur sind. Die Analyse eines bilateralen Beispiels, wie Jordanien und die EU, lässt keinerlei signifikante Einflüsse des Abkommens mit der EU auf die Exporte oder Importe Jordaniens erkennen. Die Ursachenforschung ist nicht trivial und so lässt sich anhand der Handelsstruktur nur mutmaßen, ob Faktoren wie die tatsächliche Ausgestaltung des Abkommens, zum Beispiel hoher Komplexitätsgrad, Schutz „sensibler“ Sektoren, ausschlaggebend für den Erfolg sein können.


Literatur

Die an der Universität Hamburg erfolgreich abgeschlossene Dissertation von Steffen Gröning behandelt diese Themen und weitere, wie zum Beispiel Auswirkungen von Währungsunionen auf die Attraktion von ausländischen Direktinvestitionen oder der Einfluss von Rohstoffreichtum auf Entwicklung. Die Dissertationsarbeit und die im Artikel erwähnte Literatur finden Sie hier: Zu den Dossiers: Afrika

Weitere Literaturangaben:

EU (2010): EU contribution to the Millennium Development Goals, Some key results from European Commission programmes, Brussels.

EU (2012): The EU and the Millennium Development Goals, Brussels.

Gröning, S.; Busse, M. (2011): Assessing the Impact of Trade Liberalization: The Case of Jordan, Working Paper. Zum Download


Dissertationen

Neben Steffen Gröning haben Anfang 2012 weitere zwei wissenschaftliche Mitarbeiter des HWWI ihre Dissertationen erfolgreich abgeschlossen: Friso Schlitte zum Thema „Regionales Wachstum in Deutschland und Europa“ an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg und Jan Wedemeier zum Thema „Wissensökonomie, Innovationen und kreative Städte“ an der Universität Bremen.