HWWI Standpunkt Oktober 2011
Eine Triple Win-Story? – 50 Jahre Migration aus der Türkei
Ende Oktober 1961 wurde der deutsch-türkische Anwerbevertrag unterzeichnet, mit dem verschiedene Erwartungen verbunden waren: Deutschland wollte seinen aufgrund des „Wirtschaftswunders“ gestiegenen Arbeitskräftebedarf decken, die Türkei wiederum ihren Arbeitsmarkt entlasten und ihre Staatsbürger durch einen Auslandsaufenthalt weiter qualifizieren. Dies setzte einen Migrationsprozess in Gang, der sich heute in differenzierter Form fortsetzt. Etwa vier Millionen Menschen kamen aus der Türkei nach Deutschland, von denen etwa die Hälfte blieb und der Rest wieder in die Türkei zurückkehrte.
Die Arbeitsmigration hat die deutsche Gesellschaft maßgebend mitgeprägt: Sie brachte Menschen unterschiedlichster Herkunft, Kultur, Religion und Lebensweise zusammen. Der Integrationsprozess verlief nicht immer reibungslos und wurde vielfach von interkulturellen Missverständnissen begleitet.
Gleichwohl klappt heute das soziale Zusammenleben zwischen dem „Eingeborenen“ und dem Zugezogenen besser als es in den Medien und in der Politik dargestellt wird. Türkeistämmige Migranten sind Teil dieser Gesellschaft, partizipieren am gesellschaftlichen Leben, haben hier Familien gegründet, gehen Erwerbsarbeit nach und bestimmen sogar politisch mit. Sie werden Grünen-Chef (Cem Özdemir) oder Sozialministerin in Niedersachen (Aygül Özkan), sind Kulturschaffende (Fatih Akın, Feridun Zaimoglu) oder schießen Tore für die deutsche Nationalmannschaft (Mesut Özil).
Türkeistämmige Arbeitsmigranten haben nicht nur den deutschen Wirtschaftsaufschwung mitgetragen, indem sie das Arbeitskräftereservoir vergrößert, schwere und teilweise auch unattraktive Arbeiten in Industriebetrieben verrichtet und somit vielen „Eingeborenen“ den sozialen Aufstieg ermöglicht haben. Aufgrund der Arbeitsmigration aus der Türkei und anderen Anwerbestaaten ist Deutschland heute kulturell vielfältiger und pluraler als vor 50 Jahren.
Gelohnt hat es sich auch für die Türkei. Genannt seien die Geldüberweisungen, die bis in die 1980er-Jahre einen beachtlichen Anteil an den gesamten Deviseneinnahmen ausmachten, Geldausgaben von Arbeitsmigranten im Urlaub für konsumtive und investive Zwecke (Immobilienkäufe) sowie diverse Hilfsleistungen. Sie haben nicht nur der türkischen Wirtschaft geholfen, sondern auch wesentlich zur Veränderung des Konsumverhaltens in den Herkunftsregionen beigetragen.
In der Vergangenheit bestand das deutsch-türkische Migrationsgeschehen wesentlich aus Arbeitsmigration, Familiennachzug und politischer Migration. Heute wandern zunehmend viele deutsche Ruheständler in die Türkei ab, um dort ihren Lebensabend zu verbringen, oder junge Menschen, um dort zu studieren. Auch türkeistämmige und deutsche Hochqualifizierte zieht es in die Türkei. In Istanbul gibt es inzwischen eine beachtlich lebendige „deutsche Szene“ junger erfolgreicher Deutsch-Türken und zahlreiche Befunde deuten auf einen transnationalen sozialen Raum Deutschland-Türkei hin.
Gleichwohl ist die türkische Migration nach Deutschland weiterhin Gegenstand von verkürzten Wahrnehmungen und einseitigen Einschätzungen. Exemplarisch ist das Buch „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin. Fehlinterpretationen sind aber auch in türkischen Medien anzutreffen (vgl. Kerem Çalıskan, „Geschichte einer erfolglosen Migration“, in: Radikal, 21. Sep-tember 2011, S. 21). Çalıskan zufolge ist die türkische Arbeitsmigration für beide Seiten ein Misserfolg, da „40 Prozent“ der Türken in Deutschland dicht an der bzw. unter der Armutsgrenze leben würden, die Arbeitslosigkeit überproportional hoch und der Bildungserfolg gering sei.
Keinesfalls sollen hier strukturelle Probleme wie Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Diskriminierung oder Integrationsdefizite und Modernitätsbedarf unter den türkeistämmigen Migranten geleugnet werden. Ein differenziertes, der Komplexität der Realität entsprechendes Bild kann jedoch nicht gewonnen werden, wenn nur auf Probleme fokussiert und bei statischen Schnappschüssen selektiver Realitätsausschnitte geblieben wird. Erforderlich sind dynamische, das heißt die intergenerative Entwicklung berücksichtigende Vergleiche.
Der Anteil von Hochschulabsolventen unter Türkeistämmigen ist in der Tat geringer als beispielsweise bei den Italienern oder Spaniern. Allerdings sollte dies nicht allzu schnell als einen Beleg für den Misserfolg ausgelegt werden. Eine differenziertere Einschätzung würde man gewinnen, wenn die heutigen Zahlen mit den Zahlen aus den 1980ern verglichen würden.
Dass die Arbeitslosigkeit unter Türkeistämmigen ebenfalls höher liegt, ist zwar richtig, jedoch kein eindeutiger Beleg für den Misserfolg. Es gilt zu berücksichtigen, dass Deutschland zwischen 1960 und 2010 einen umfassenden sozio-ökonomischen Wandel durchlaufen hat, in dessen Folge die Arbeitslosigkeit und Armut deutlich stiegen, wovon Türkeistämmige möglicherweise am nachhaltigsten betroffen sind. Dass Italiener bzw. Spanier ökonomisch, sozial und in der Bildung günstiger dastehen als die Türkeistämmigen, könnte auch dadurch erklärt werden, dass sie aus EU-Staaten stammen und damit einfacheren juristisch-administrativen Regelungen bzw. Maßnahmen unterworfen sind.
Çalıskan zufolge befinden sich die männlichen Türken der dritten Generation in einem „erbärmlichen Zustand“ und „auf den Straßen“ wachse eine nichtsnutzige, „exzessiv Drogen konsumierende“ Jugend heran, während die Elterngeneration ihre Freizeit mit türkischen Serien oder Fußballspielen türkischer Mannschaften verbringe. Solche und ähnliche Einschätzungen sind neben problemorientierten Paradigmen zugleich klassischen Migrationstheorien geschuldet, denen zufolge Migranten allmählich ihre Verbindungen zum Herkunftsland verlieren, Handlungsmuster und kulturelle Normen der Aufnahmegesellschaft übernehmen und sich schließlich an die Mehrheitskultur anpassen. Diese Vorstellung wurde von Vertretern des Transnationalismus-Ansatzes mit dem Hinweis in Frage gestellt, dass Migranten neue Verbindungen und Beziehungen im Einwanderungsland eingehen, bestimmte Handlungsweisen und kulturelle Muster übernehmen, gleichzeitig aber ihre Verbindungen zum Herkunftsland aufrechterhalten und sich nicht an die Mehrheitskultur assimilieren.
Der Transnationalismus-Ansatz verweist auf die andere Seite der Medaille, die vielfach ignoriert wird. Aus diesem Blickwinkel stellt es keine Anomalie dar, dass Türkeistämmige auch türkische Fernsehserien angucken und sich auch für türkische Fußballmannschaften begeistern. Angesichts der aktuellen Entwicklungen von Kommunikationsmitteln, Transport- und Reisemöglichkeiten macht es wenig Sinn, Migranten mit Doppelidentitäten und Mehrfachzugehörigkeiten, die sich nicht für das eine oder das andere Land entscheiden wollen, als „Haltlose“ zu beschreiben, „die zwischen Türkei und Deutschland großwerden und in keinem der Länder Fuß fassen können“. Eine sachlich abwägende, intergenerative Entwicklungen berücksichtigende Betrachtung zeigt, dass die türkische Arbeitsmigration trotz aller Defizite und unausgeschöpfte Potenziale eine Erfolgsgeschichte ist – nicht nur für das Herkunfts- und das Zielland, sondern auch für die Migranten.
Empfehlenswerte Literatur
Aydın, Y. (2010): Almanya’dan Türkiye’ye Tersine Göç: ‚Insan kaynakları israfı’ mı? (dt. „Migration aus Deutschland in die Türkei – Vergeudung von menschlichen Ressourcen?“), Birgün, 30.03.2010.
Aydın, Y. (2010): Der Diskurs um die Abwanderung Hochqualifizierter türkischer Herkunft in die Türkei, HWWI Policy Paper, 3-9.
Aydın, Y. (2010): Abwanderung Hochqualifizierter türkischer Herkunft, HWWI Update 5/10.
Aydın, Y. (2011): Almanya’ya göç basarısız mı? (dt. „Ist die türkische Arbeitsmigration nach Deutschland erfolglos?“), Radikal, 11.10.2001.
Aydın, Y. (2011): Emigration of Highly Qualified Turks: A Critical Review of the Societal Discourses and Social Scientific Research, demnächst in: S. Elitok/ T. Straubhaar (Hg.), Turkey, Migration and the EU: Potentials, Challenges and Opportunities.
Aydın, Y. (2011): Rückkehrer oder Transmigranten? Erste Ergebnisse einer empirischen Analyse zur Lebenswelt der Deutsch-Türken in Istanbul, demnächst in: Türkisch-Deutsche Studien. Jahrbuch 2011.
Aydın, Y., Pusch, B. (2011): Abwanderung von hochqualifizierten deutschen StaatsbürgerInnen türkischer Herkunft, in: Dossier Einwanderungspolitik der Heinrich Böll Stiftung.
Aydın, Y., Pusch, B. (2011): Istanbul – Chance oder Utopie?, HWWI Insights, 3/2011, 32-35.
Aydın, Y., Pusch, B. (2011): Migration of Highly Qualified German Citizens with Turkish Background from Germany to Turkey: Socio-Political Factors and Individual Viewpoints, demnächst in: International Journal of Business & Globalisation.
Elitok, S., Straubhaar, T. (im Erscheinen): Turkey, Migration and the EU: Potentials, Challenges and Opportunities, Hamburg.

