HWWI Standpunkt Dezember 2012

Fertilität

Ihr Kinderlein kommet!

von Thomas Straubhaar

Alle Jahre wieder feiern in diesen Tagen weltweit mehr als zwei Milliarden Menschen Weihnachten, das Fest der Geburt Jesu Christi. Geht der aktuelle Trend weiter, wird man in Europa bald schon ganz normale Geburten bejubeln. Denn hierzulande kommen immer weniger Kinder zur Welt. 2011 war das Jahr mit der niedrigsten Geburtenzahl nach dem Zweiten Weltkrieg. In Deutschland wurden gerade noch 663.000 Kinder geboren. 1964 während des Baby-Booms waren es mehr als doppelt so viele, nämlich 1,36 Millionen Geburten. Gegenüber den 1960er-Jahren fehlen heute Jahr für Jahr rund 700.000 Kinder – was in etwa fast der gesamten Bevölkerung Frankfurts entspricht.

1964 brachten 100 in Deutschland lebende Frauen im Laufe ihres Lebens durchschnittlich über 250 Kinder zur Welt. Innerhalb einer Dekade sank die Geburtenhäufigkeit auf weniger als 150 Kinder. Seither ging diese Zahl weiter zurück – besonders dramatisch nach der deutschen Wiedervereinigung, weil in den neuen Bundesländern der Kinderwunsch stark fiel. Heute bringen 100 Frauen in Deutschland durchschnittlich 136 Kinder zur Welt – nur noch halb so viele wie eine Generation früher. Das ist deshalb verblüffend, weil in den letzten Jahren mit vielerlei familienpolitischen Maßnahmen versucht worden ist, den Trend umzudrehen.

Viele Gründe verursachen den Geburtenrückgang. Singuläre Erklärungen werden der Komplexität der Frage „Kinder, ja oder nein?“ nicht gerecht. Ökonomische Überlegungen erklären einiges, aber längst nicht alles. Vielmehr halten auch soziale und kulturelle Umstände Frauen davon ab, Mutter zu werden. Oft aber sind es auch die jungen Männer, die sich vor der Vaterrolle drücken. Gerade hat eine neue Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) offenbart, dass Kinder heute bei Frauen und Männern einen anderen Stellenwert haben als in der Vergangenheit. Nicht einmal die Hälfte (45 Prozent) der kinderlosen Deutschen zwischen 18 und 50 Jahren glaubt, dass Kinder ihr Leben bereichern und glücklicher machen würden.

Zunehmend wollen Frauen neben der Mutterrolle auch im Beruf aktiv bleiben. Und sie müssen es auch. Denn das Versprechen, dass sich Väter nicht nur für ihre Kinder, sondern auch für deren Mütter verantwortlich fühlen, trägt immer weniger. Immer öfter brechen Familien auseinander. Bereits wird mehr als jede dritte Ehe durch Scheidung getrennt. Und gerade alleinerziehende Mütter tragen das größte Risiko aller Bevölkerungsgruppen, in Armut leben zu müssen. Da ist es nichts als ein logischer Selbsterhaltungstrieb der Frauen, nicht allein auf Ehe und Familie, sondern mit einer eigenen Berufskarriere auch auf einen Plan B zu setzen.

Während Erwachsene im gut ausgebauten Sozialstaat von heute eigene Kinder zum ökonomischen Überleben nicht mehr nötig haben, kann die Gesellschaft insgesamt nicht ohne Kinder überleben. Dabei geht es nicht so sehr um das Phantomproblem des Fachkräftemangels, das auf einfache Weise durch eine bessere Nutzung vorhandener Potenziale bei Frauen, Älteren und Menschen mit Migrationshintergrund auf einfache Weise auch ohne zusätzliche Kinder lösbar wäre. Ebenso ließen sich die mit der Schrumpfung der Bevölkerung einhergehende Alterung der Gesellschaft und die damit verbundenen Finanzierungslücken der Rentenkassen durch eine weitere Anhebung der Lebensarbeitszeit zumindest teilweise auffangen.

Viel wichtiger ist es, dass die Geburtenentwicklung mehr über den Gemütszustand einer Gesellschaft aussagt als alle ökonomischen Indikatoren. Die Individualisierung der Gesellschaft sowie die Mobilitäts- und Flexibilitätsanforderungen eines beschleunigten wirtschaftlichen Strukturwandels führen dazu, dass langfristige Bindungen in den Hintergrund treten. Dazu gehört auch eine Ablehnung, Verantwortung zu übernehmen für Familienangehörige. Sorgen und Unsicherheit über die eigene (berufliche) Zukunft lässt Jüngere zögern, den Kinderwunsch zu erfüllen. Auch das gilt in Deutschland für Frauen wie Männer gleichermaßen. Die Studie des BiB räumt mit der Vermutung auf, dass nur Frauen unter der Nichtvereinbarkeit von Familie und Beruf leiden: „So sind Väter von Kindern unter 18 Jahren zu 88 Prozent der Meinung, dass sich Familie und Beruf in Deutschland nicht gut miteinander vereinbaren lassen. Mütter von Kindern unter 18 Jahren äußern diese Meinung „nur“ zu 78 Prozent.“

Nicht nur Deutschland, sondern Europa insgesamt ist offenbar von einer Zukunftsangst geprägt, die junge Menschen abschreckt, Eltern zu werden. In keiner anderen Weltregion werden so wenige Kinder geboren, wie in Europa. Während in der Europäischen Union die Zahl der Geburten auf weniger als 160 pro 100 Frauen gesunken ist, liegt sie in Südostasien bei 176, in Nordamerika bei 206, in Lateinamerika sogar bei 220, und in allen übrigen Weltregionen ist sie noch höher. Demografisch schrumpft und altert Europa, die übrige Weltbevölkerung wächst und bleibt jung. Noch Fragen, was das wirkliche Problem Europas ist und in welcher Stimmung sich Europa in ein, zwei Generationen befinden wird?

Dieser Beitrag ist am 21. Dezember 2012 auf „Die Welt“ (www.welt.de) erschienen.