HWWI Update 04 2012

Regionalökonomie

Metropolregion Hamburg: Jetzt die Weichen für wissensbasiertes Wachstum stellen

von Nora Reich

Die Metropolregion Hamburg wird zukünftig nur dann weiterhin erfolgreich im Standortwettbewerb sein und vom wissensbasierten Strukturwandel ökonomisch profitieren, wenn ausreichend qualifizierte Arbeitskräfte in der Region sind. Denn das Vorhandensein von Wissen ist zentral für die Ansiedlung und den Erfolg von Unternehmen. Mit der Frage, wie sich die Metropolregion Hamburg noch besser aufstellen kann, hat sich das HWWI in einem Kooperationsprojekt mit PricewaterhouseCoopers (PwC) befasst.

In der Studie „Hamburg 2020 – Chancen nutzen, Zukunft gestalten“ nehmen HWWI und PwC die Metropolregion Hamburg bezüglich der Grundlagen für ihre Weiterentwicklung zum Wissensstandort und die Entstehung von Arbeitsplätzen unter die Lupe. Dabei wird die Position der Metropolregion Hamburg mit jener der Metropolregionen Berlin-Brandenburg, Frankfurt/Rhein-Main, München, Rhein-Ruhr und Stuttgart verglichen, um Standortstärken und -schwächen der Metropolregion Hamburg zu identifizieren und standortpolitische Handlungsempfehlungen zu entwickeln. Besonderes Augenmerk gilt der Demografie, der Erwerbstätigkeit, der Forschung und Entwicklung sowie dem qualifizierten Nachwuchs.

Produktivitätsfortschritte, Wirtschaftswachstum und die Entstehung von Arbeitsplätzen sind an das Fachkräftepotenzial gekoppelt. Die Metropolregion Hamburg muss demnach ihre Attraktivität für Arbeitskräfte steigern. Die Analyse von HWWI und PwC zeigt nämlich, dass die Wachstumsdynamik in der Metropolregion Hamburg seit Mitte der 1990er-Jahre im Vergleich zu anderen Metropolregionen nur durchschnittlich zu bewerten ist. So hat die Erwerbstätigenzahl zwischen 1994 und 2009 in der Metropolregion Hamburg um 10,3 % (205.000 Erwerbstätige) zugenommen. In der Metropolregion München sind mit einem Plus von 380.000 in diesem Zeitraum weitaus mehr Arbeitsplätze entstanden. Wenn sich diese Entwicklungen so fortsetzen, besteht die Gefahr, dass die Metropolregion Hamburg gegenüber anderen Wirtschaftsräumen zurückbleibt.

Wie viele (qualifizierte) Arbeitskräfte zukünftig auf dem Arbeitsmarkt der Metropolregion Hamburg vorhanden sein werden, hängt dabei von verschiedenen Faktoren ab. Hierzu zählen die demografischen Entwicklungen, die Attraktivität der Region als Arbeits- und Lebensort sowie die Leistungsfähigkeit des Bildungssystems. Hamburg hat im Vergleich der Metropolregionen mit 4,5 Mio. Menschen die geringste Einwohnerzahl. Obschon die Bevölkerung zwischen 2000 und 2009 kaum angestiegen ist, ist Hamburg bezüglich der Bevölkerungsentwicklung im Metropolregionenvergleich gut platziert. Auch mit der Prognose von einem Zuwachs von+ 0,7 % und einem leichten Anstieg der Personen im erwerbsfähigen Alter zwischen 2010 und 2020 belegt sie den zweiten Platz nach München. Diese Entwicklungen gehen dabei auf die Zahl der Zuwanderer in die Metropolregion zurück, denn die Zahl der Geburten ist in allen betrachteten Metropolregionen zu gering für Bevölkerungszuwächse.

Bezüglich der Zuwanderer aus dem In- und Ausland ist positiv zu bewerten, dass die Stadt Hamburg im Vergleich zu den größten Städten der anderen Metropolregionen in den letzten Jahren besonders attraktiv für hoch qualifizierte Personen war. Der Ausländeranteil an der Bevölkerung ist in der Metropolregion Hamburg mit 8,4 % allerdings relativ gering. Alle anderen betrachteten Metropolregionen weisen einen höheren Ausländeranteil von bis zu 12,9 % auf, was verdeutlicht, dass dort die Internationalisierung des Arbeitskräfteangebotes weiter vorangeschritten ist. Damit hat die Metropolregion Hamburg im Hinblick auf zukünftige Zuwanderung aus dem Ausland, die auch persönlichen Netzwerken folgt, eine nachteilige Position für die Gewinnung ausländischer Fachkräfte.

Die Struktur der Erwerbstätigen zeigt zudem, dass bei Menschen mit ausländischer Nationalität – ebenso wie Frauen – deutliche Handlungserfordernisse zur besseren Integration in den Arbeitsmarkt bestehen. Die Arbeitslosenquote, die in der Metropolregion Hamburg im Jahr 2010 8,1 % betrug, und damit deutlich höher war als in Frankfurt/Rhein-Main (6,9 %), München (4,9 %) und Stuttgart (5,6 %), ist ebenfalls ein Hinweis darauf, dass hier Spielraum zur Qualifizierung und Beschäftigung von Fachkräften besteht.



Auch im Bildungsbereich gibt es Entwicklungserfordernisse in der Metropolregion Hamburg.
Derzeit verfügen dort weniger als 10 % der Beschäftigten über einen (Fach-)Hochschulabschluss (siehe Abbildung). In der Metropolregion München beispielsweise ist der Anteil fast doppelt so hoch. Bei den Schulabgängern hat zwar knapp ein Drittel die Fachhochschul- oder Hochschulreife, allerdings weist Hamburg nach Berlin-Brandenburg den zweithöchsten Anteil (7 %) von Schulabgängern ohne Hauptschulabschluss auf, wobei das Bildungsniveau von Schulabgängern zwischen 1995 und 2009 in der Metropolregion Hamburg schon deutlich angestiegen ist.

In Bezug auf universitäre Bildung steht Hamburg im Mittelfeld bei der Zahl der Studierenden je 1.000 Einwohner und der Zahl der Lehrenden je 1.000 Studierende, bildet aber herausragende Forschungseinrichtungen betreffend vielfach das Schlusslicht im Vergleich der Metropolregionen: Hier wurde bislang eine einzige Exzellenz-Initiative in den ersten zwei Förderrunden bewilligt, während es beim Spitzenreiter Berlin-Brandenburg zwölf sind. Mit nur vier universitären Sonderforschungsbereichen liegt die Metropolregion Hamburg weit abgeschlagen hinter den anderen Metropolregionen mit jeweils elf bis 38 solcher Einrichtungen. Überdies verfügt sie lediglich über zwölf Groß- und Ressortforschungsbereiche. Damit belegt sie den zweitletzten Platz in diesem Vergleich.

Positiv im Hinblick auf die Beschäftigung von Fachkräften ist hingegen zu bewerten, dass die Fachkräftezahl in zahlreichen Schlüsselberufen der Wissensgesellschaft im vergangenen Jahrzehnt zugenommen hat, beispielsweise ist die Zahl der Ingenieure um ein Viertel und jene der Flugzeugmechaniker sogar um knapp 64 % angestiegen.

In der Gesamtschau hat die Metropolregion Hamburg hinsichtlich der Entwicklung der Bevölkerung – insgesamt und im erwerbsfähigen Alter – im Vergleich zu den anderen Metropolregionen in den letzten Jahren gut abgeschnitten und dieser Trend wird sich Prognosen zufolge bis 2020 fortsetzen. Um langfristig in der Wissensgesellschaft erfolgreich zu sein, muss die Metropolregion Hamburg allerdings größere Anstrengungen zur Verbesserung der Bildung, zur Erhöhung der Anzahl (hoch) qualifizierter Fachkräfte und zum Ausbau der Forschungslandschaft unternehmen. Zudem sind die bessere Nutzung der Vorteile funktionaler Arbeitsteilung innerhalb der Metropolregion sowie der Ausbau der Informationsbasis zum Fachkräftebedarf zentrale standortpolitische Handlungsfelder. Gelingt dies, dann bestehen gute Chancen, die Metropolregion Hamburg auf einen nachhaltigen Wachstumskurs zu bringen.


Studie

Borcherding, A.; Hansen, T.; Reich, N.; Stiller, S.; Zierahn, U. (2012): Hamburg 2020 – Chancen nutzen, Zukunft gestalten, Herausgegeben von PwC in Kooperation mit dem HWWI, Hamburg.