HWWI Update EM Spezial 2012
Blatter-Vorstoß: Alternativen zum Elfmeterschießen
FIFA-Präsident Sepp Blatter hat in Reaktion auf das Elfmeterschießen zwischen Bayern München und dem FC Chelsea angeregt, über Alternativen zum Elfmeterschießen nachzudenken, da dieses als ein „Eins-gegen-Eins“-Duell das Wesen des Mannschaftssports Fußball konterkariere. Die „FIFA Task Force Football 2014“ unter Vorsitz von Franz Beckenbauer soll sich mit dem Thema auseinandersetzen und Vorschläge ausarbeiten.
In jedem Fall muss es bei einem Unentschieden einen Tie-Breaker geben, also ein Kriterium, das bei Unentschieden in überschaubarer Zeit einen möglichst fairen Sieger ermittelt. Nach Möglichkeit sollte die Regelung zudem ein für den Zuschauer attraktives Spiel begünstigen. Das Golden Goal scheint als Alternative derzeit wenig realistisch, weil es 1996 schon einmal erprobt und offenbar als nicht mehrheitsfähig akzeptiert wurde. Unsichere Fernsehzeiten sprechen wohl ebenfalls dagegen, weil bei Abschaffung des Elfmeterschießens bis zum Golden Goal in jedem Fall weitergespielt würde. Vor einigen Jahren wurde der Vorschlag gemacht, in der Verlängerung alle fünf Minuten jeweils einen Feldspieler von beiden Mannschaften vom Platz zu nehmen. Über den Spieler kann – je nach Variante – der eigene oder der gegnerische Trainer bestimmen.
Im Folgenden sollen vier (nicht immer ernst gemeinte…) alternative Vorschläge diskutiert werden: 1. Elfmeterschießen vor dem Spiel; 2. Bei Unentschieden gewinnt die Mannschaft, die das erste Tor im Spiel erzielt hat; 3. Bei Unentschieden gewinnt die Mannschaft, die das letzte Tor im Spiel erzielt hat; 4. 2 x 15 Minuten Verlängerung jeweils acht gegen fünf Spieler.
1. Elfmeterschießen vor dem Spiel
Die Spiel entscheidende Bedeutung des Elfmeterschießens reduziert sich, wenn dieses bei allen Spielen, in denen es zwingend einen Sieger geben muss, zu Beginn des Spiels durchgeführt wird. Dem Gewinner des Elfmeterschießens reicht am Schluss ein Unentschieden. Die im Elfmeterschießen unterlegene Mannschaft hat dann 90 Minuten Zeit, um in der regulären Spielzeit als Sieger vom Platz zu gehen. Diese Mannschaft hätte einen Anreiz, relativ offensiv das Spiel zu gestalten. Nachteil ist, dass die mutmaßlich stärkere Mannschaft wenig tut, falls sie das vorherige Elfmeterschießen gewonnen hat. In diesem Fall würde die Attraktivität des Spiels womöglich leiden.
2. Bei Unentschieden gewinnt das erste Tor
Sollte es am Ende des Spiels Unentschieden stehen, gewinnt jene Mannschaft, die das erste Tor erzielt hat. Damit hätten beide Mannschaften einen Anreiz, von Beginn an relativ offensiv zu spielen. Der Nachteil ist, dass jene Mannschaft, die das erste Tor erzielt hat, sich wahrscheinlich taktisch weit zurückzieht und anfängt, defensiv zu agieren. Dies dürfte wiederum insbesondere beim stärkeren Team der Fall sein, welches mit einer größeren Wahrscheinlichkeit ja auch in Führung gehen sollte.
3. Bei Unentschieden gewinnt das letzte Tor
Steht es am Ende der regulären Spielzeit Unentscheiden, gewinnt die Mannschaft, die das letzte Tor erzielt hat. Die Begründung könnte sein, dass diese Mannschaft das Momentum auf ihrer Seite hätte. Der Vorteil dieser Regelung besteht darin, dass bis zum Schluss – anders als Vorschlag 2 – unklar ist, welche Mannschaft das letzte Tor geschossen haben wird. Die Verzerrung gegenüber der heutigen taktischen Grundkonstellation dürfte damit am geringsten sein. Hinzu käme, dass die in Führung liegende Mannschaft sich nicht auf dem Vorsprung ausruhen könnte, da sich mit einem Gegentreffer die Spielsituation grundlegend ändert: Wäre sie vor dem Gegentor noch Sieger der Partie gewesen, hätte sie schon mit dem Ausgleich das Spiel verloren.
Die Vorschläge 2 und 3 könnten dahingehend modifiziert werden, dass das Spiel bei Unentschieden nicht mit der regulären Spielzeit beendet ist, sondern um 30 Minuten verlängert wird, in denen die Mannschaft, die bei einem Unentschieden verlieren würde, Zeit erhielte, das Ergebnis in einen Sieg zu drehen. Dies könnte die Attraktivität des Spiels insbesondere in der Verlängerung, in der sich beide Mannschaften häufig implizit auf ein Elfmeterschießen „einigen“ und zumeist relativ wenig passiert, deutlich steigern. Fällt überhaupt kein Tor, entscheidet das Los. Jene Mannschaft, die eine 50-prozentige Chance gemessen an der Stärke beider Mannschaften für zu gering einschätzt, hätte einen Anreiz, auf ein Tor zu drängen, statt auf das Los zu hoffen.
4. Verlängerung mit Acht gegen Fünf
In dieser Variante erhält nach Ablauf der regulären Spielzeit zunächst die eine der beiden Mannschaften 15 Minuten, in denen mit acht Spielern gegen fünf Spieler des Gegners ein möglichst großer Vorsprung erspielt wird. Danach dreht sich das Kräfteverhältnis und der Gegner muss versuchen, das Ergebnis zu wenden. Diese Variante verspricht Spannung und setzt Anreize, das Offensivspiel stärker zu betonen und planvolle Angriffe zu entwickeln statt auf spontane Improvisation zu setzen. Diese Änderung der Grundausrichtung könnte das Spiel insgesamt auf ein neues Niveau heben.
Ob das Elfmeterschießen allerdings wirklich abgeschafft werden sollte, ist mehr als fraglich. Immerhin hat es denkwürdige Elfmeterschießen in der Geschichte des Fußballs gegeben. Und ein wenig „Drama“ gehört nun mal zum Sport dazu.

