HWWI Update 03 2011

GOVERNANCE

Rohstoffe und gute Regierungsführung – Der Fluch des Ressourcenreichtums

von Steffen H. Gröning, Matthias Busse

Gute Regierungsführung, auch als Good Governance bezeichnet, hat sich als einer der wichtigen Faktoren für eine nachhaltige Entwicklung von Ländern herausgestellt. Der Wohlstand einer Volkswirtschaft, gemessen am Pro-Kopf-Einkommen, begünstigt wiederum eine verantwortungsvolle Regierungsführung. Es liegt daher nahe, auch potenziellen Reichtum, der noch nicht oder noch nicht vollständig monetarisiert ist, hier einzuordnen. Zu diesem potenziellen Reichtum gehören Rohstoffe, also Ressourcen, die zur Herstellung von Kapitalgütern (zum Beispiel Erze) oder als Antriebsstoffe (Rohöl) verwendet werden können. Da diese Rohstoffe häufig in Ländern mit einem geringen Pro-Kopf-Einkommen vorzufinden sind, könnte davon ausgegangen werden, dass diese Länder einen Vorteil gegenüber den rohstoffarmen Ländern haben, die diese Ressourcen nicht aufweisen.

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen jedoch, dass gerade rohstoffreiche Länder davon nicht (oder nur wenig) zu profitieren scheinen. In der Literatur wird dieser Zusammenhang als Fluch der Ressourcen beschrieben (für einen Literaturüberblick siehe Frankel 2010). So kann ein Ressourcenreichtum dazu führen, dass rent-seeking, also die individuelle oder interessengruppenbezogene Übervorteilung durch den Abbau und den Verkauf von Ressourcen überwiegen und das soziale Optimum, also die gesamtwirtschaftliche Entwicklung, vernachlässigt wird.

Weiterhin kann eine einseitige Abhängigkeitssituation geschaffen werden, in der ressourcenreiche Länder durch eine spezifische Ausrichtung auf den Absatz von Rohstoffen eine hohe Abhängigkeit von den Rohstoffpreisen auf dem Weltmarkt erfahren und damit von Preisfluktuationen stark negativ beeinflusst werden können. Dies wird verstärkt durch eine, durch die Spezialisierung auf den Abbau von Ressourcen bedingte, Verdrängung produzierender Sektoren (crowding out). Die als Aufwertung der inländischen Währung und den damit verbundenen Schwierigkeiten beim Export von Kapitalgütern bezeichnete holländische Krankheit (dutch disease) verstärkt die Probleme der Sektoren, die nicht im Abbau oder im Verkauf von Ressourcen agieren.

Ross (2001) sieht zudem in den hohen Staatseinnahmen durch Ressourcenverkäufe einen direkten Einfluss auf die Regierungsführung. Da die Besteuerung der Einwohner dieser Länder tendenziell gering ausfällt, werden diese vermutlich eine geringere Einflussnahme fordern. Dadurch haben Regierungen einen geringeren Anreiz, die Regierungsführung zu verbessern. Auch ermöglichen die hohen Einnahmen eine bewusste Unterdrückung rechtsstaatlicher und demokratischer Initiativen durch die Regierung dieser Länder.

In der neuen HWWI-Studie (siehe Unten) wird daher der Einfluss verschiedener Indikatoren für einen Reichtum an Ressourcen auf die Regierungsführung untersucht. Es zeigt sich, dass – unter Berücksichtigung weiterer Einflussfaktoren – diese das Korruptionsniveau signifikant negativ beeinflussen, also für eine Zunahme an Korruption verantwortlich sind. In der Studie kann weiterhin gezeigt werden, dass dieser Einfluss im Bezug auf die Modellspezifikation und die verwendete Methodik robust ist. Signifikant ist dabei vor allem der Einfluss auf Korruption. Die Qualität der Bürokratie oder die Rechtsstaatlichkeit als weitere Indikatoren für Good Governance zeigen hingegen keine signifikante Beeinflussung durch den Ressourcenreichtum.

Eine praktische Anwendung auf ein Länderbeispiel, Nigeria, verdeutlicht die Bedeutsamkeit dieses Ergebnisses. So könnte eine theoretische Einstellung des Ressourcenabbaus in Nigeria dazu führen, dass das Korruptionsniveau in Nigeria auf das Niveau von Estland oder sogar Botswana sinken könnte. Dies käme einer erheblichen Verbesserung gleich.

Die Ergebnisse dieser Studie sind daher von hoher Bedeutsamkeit sowohl für entwicklungspolitische Überlegungen als auch für Politiker der angesprochenen Länder. Eine Fortführung der Konzentration auf Ressourcenexporte hingegen könnte zu einem ungünstigen Entwicklungspfad führen. Aufgrund der hohen Einnahmen, die sich aus den Rohstoffexporten ergeben, ist eine kurzfristige Abänderung der bisher verfolgten Politiken (ohne die Entwicklung von Alternativen) jedoch kritisch zu sehen.

In der aktuellen Entwicklung scheinen vor allem in Afrika viele Länder auf einen Ausbau dieser Exportstrategie zu setzen. Der weltweit ansteigende Rohstoffbedarf und die damit verbundenen Preissteigerungen dürften ebenfalls für zusätzliche Motivation beim Abbau und Export von Ressourcen beitragen. Als eine erfolgversprechende Maßnahme kann jedoch die Schaffung von Ausgabentransparenz gesehen werden. Dies gilt sowohl für die Regierungen als auch für internationale Unternehmungen, die beim Abbau von Ressourcen beteiligt sind. Eine Initiative, die explizit dieses Ziel verfolgt, ist die Extractive Industries Transparency Initiative. Die dort festgelegten Vorschriften haben bis zum Juni 2010 jedoch lediglich Aserbaidschan und Liberia erreicht, so dass abzuwarten bleibt, ob diese Initiative die erwarteten Ziele erreichen kann.


STUDIE UND LITERATUR

Busse, M., Gröning, S. (2011):  The Resource Curse Revisited: Governance and Natural Resources, HWWI Research Paper 106, Hamburg.
Frankel, J. (2010): The Natural Resource Curse: A Survey, NBER Working Paper 15836.
Ross, M. (2001): Does oil hinder democracy? World Politics 53(3), 325-361.