HWWI Update EM Spezial 2012

EM 2012

Regeln und Fairness im Fußball

von Henning Vöpel, Jana Stöver

Immer wieder kommt es im Fußball zu Diskussionen darüber, ob ein Spielergebnis gerecht und das Verhalten von Spielern fair sei. Im Vergleich zu anderen Sportarten werden diese Diskussionen im Fußball auffallend häufig geführt, wie erst kürzlich wieder von FIFA-Präsident Blatter. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob die Regeln im Fußball eigentlich adäquat sind.

Die anekdotische Evidenz zu dieser Frage ist reichhaltig. Ein Beispiel von geradezu symbolhafter Bedeutung ereignete sich vor zwei Jahren bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika. Im Viertelfinale zwischen Uruguay und Ghana stand es in der Nachspielzeit der Verlängerung 1:1, als Luis Suarez auf der Torlinie durch Handspiel ein sicheres Tor von Ghana verhinderte, das den ghanaischen Sieg und damit die Qualifikation für das Halbfinale bedeutet hätte. Regelkonform gab es die Rote Karte für Suarez und den fälligen Strafstoß. Ghana verschoss. Im anschließenden Elfmeterschießen siegte Uruguay mit 4:2. Suarez’ Verhalten wurde danach in der Öffentlichkeit vielfach als unfair bewertet. Unfaires Verhalten, das nach allgemeiner Auffassung nicht akzeptabel war, aber durch die Regeln nicht verhindert werden konnte, hatte den verdienten Sieg für Ghana vereitelt.

Regeln müssen sich zunächst unter der Annahme bewähren, dass Spieler sich rational verhalten. Für Suarez war es vollkommen rational, das Tor mit der Hand zu verhindern: Er tauschte das sichere Ausscheiden gegen eine immerhin nennenswerte Chance, dass der fällige Strafstoß verschossen würde. Die Rote Karte stellte ihn persönlich nicht schlechter, weil Suarez zwar nun nicht im Halbfinale und wohl auch nicht in einem möglichen Finale auflaufen würde, aber im Falle eines Ausscheidens wäre das ohnehin der Fall gewesen. Die negative öffentliche Reaktion zeigt aber, dass die formalen Sanktionen für einen solchen Regelverstoß in dieser Situation offenbar nicht adäquat waren, um das öffentliche Verständnis von Fairness zu befriedigen.

Regeln definieren das „Spiel“ an sich. Sie setzen aber durch die Sanktionierung von Regelverstößen darüber hinaus maßgeblich die Anreize für das Verhalten von Spielern und „formen“ so das Spiel. Bei der Durchsetzung von fairem Verhalten spielen neben den formalen Regeln einer Sportart immer auch informelle Regeln, die „Etikette“, eine wichtige Rolle. Zwischen Regeln und Normen bestehen vielfältige Wechselwirkungen. In einigen Sportarten, zum Beispiel im Golf, sind etablierte Normen von Fairness für die Akteure ebenso bindend wie die formalen Regeln und insoweit komplementär zum Regelwerk, in anderen dagegen – darunter der Fußball – versuchen die Akteure oftmals, den durch die Regeln festgelegten Spielraum möglichst weit zum eigenen Vorteil auszudehnen. Bestimmte Verhaltensweisen – versteckte Fouls, Ellbogenchecks und selbst Schwalben – sind mittlerweile fester Bestandteil des Spiels, die nicht mehr durch Normen, sondern nur durch Regeländerung wieder aus dem Spiel verbannt werden.

Nicht nur komplementäre, auch substitutive Beziehungen zwischen Regeln und Normen sind denkbar: Je detaillierter und umfassender das Regelwerk ist, desto weniger spielen Normen eine Rolle, weil sie bereits vollständig in formalen Regeln kodifiziert sind. Normen stellen darüber hinaus ein Kollektivgut dar; sie können nur von allen Akteuren gemeinsam durchgesetzt und erhalten werden; jeder Einzelne aber hat einen Anreiz, sie zum eigenen Vorteil auszunutzen. Je weniger etabliert Normen sind, desto weniger rational ist es, sich nach ihnen zu richten. Am Ende hat es keinen Sinn, sich als Einziger noch fair zu verhalten.  Toleriertes unfaires Verhalten hat somit weitreichende Folgen über den Einzelfall hinaus: Es ist ein Signal, dass sich Normen und das Einverständnis über Normen verändert hat, und wirkt auf diese Weise auf das individuelle Verhalten – mit der Folge, dass Normen mit der Zeit ganz verschwinden und Fairness nur noch durch Regeln implementierbar ist.

Innerhalb einer Sportart können sich auch eigene Normen von Fairness als eine Art Verhaltensgleichgewicht bilden, die sich weitgehend von allgemeinen, gesellschaftlich akzeptierten Normen abkoppeln. Im Radsport etwa gilt Doping unter den Fahrern nicht unbedingt als grob unfair; daneben besteht zugleich eine durchaus strenge Etikette, etwa zu warten, wenn ein Konkurrent gestürzt ist. Gegenüber der Öffentlichkeit und somit auch gegenüber Medien und Sponsoren lässt sich ein solcher Kodex aber oft nicht vermitteln. Dies hat zu einem deutlichen Rückgang des öffentlichen Interesses am Radsport geführt. Im Fall Suarez war die normative Kraft öffentlicher Sanktionen zumindest in Ansätzen erkennbar.

Die Bedeutung von Normen zeigt sich daran, dass selbst bei identischen Regeln und ähnlicher Regelauslegung sich bestimmte Verhaltensweisen unterscheiden. So sind Schwalben im Fußball im Gegensatz zu anderen Sportarten durchaus gängige und akzeptierte Praxis, in England aber weitaus verpönter als in Kontinentaleuropa. Spieler, die gegen diese Normen verstoßen, werden von Zuschauern, Medien und Mitspielern sanktioniert. Einer der ersten Spieler in Deutschland, dessen Versuch, einen Strafstoß zu schinden, nicht als Schlitzohrigkeit ausgelegt, sondern von der Öffentlichkeit negativ bewertet wurde, war Andreas Möller. Ein möglicher Reputationsverlust kann sich in Einbußen bei Gehalt und Werbeeinnahmen, aber auch in geringerem Ansehen bei den Mit- und Gegenspielern niederschlagen. Reziprozität spielt in diesem Zusammenhang eine entscheidende Rolle. Die Zustimmung der Akteure zu den jeweiligen Spielregeln und ihre Bereitschaft, sich diesen unterzuordnen, hängen auch davon ab, ob die implizit in den formalen Regeln enthaltene Vorstellung von Fairness widerspruchsfrei zu den informellen Normen von Fairness ist. Wenn dies nicht der Fall ist, können inadäquate Regeln bestehende Normen von Fairness allmählich untergraben. Es kann sein, dass Spieler selbst Gerechtigkeit herstellen wollen, wenn die Regeln dieses nicht leisten. Umgekehrt kann unfaires Verhalten, das unangemessen sanktioniert wird, dazu führen, ein ungerechtes Ergebnis zu erzeugen. Dadurch wird unfaires Verhalten „salonfähig“ und jegliche Etikette verschwindet.

Ein anschauliches Beispiel für die Unzulänglichkeit einiger Sanktionen stammt aus dem Finale der WM 2010. Der Niederländer Nigel de Jong verübte ein brutales Foul gegen Xabi Alonso – allerdings zu einem recht frühen Zeitpunkt des Spiels. Eine Rote Karte hätte zu diesem Zeitpunkt einen massiven Eingriff in das Spiel bedeutet. Womöglich um sich dem späteren Vorwurf zu entziehen, das Spiel entschieden zu haben, gab der Schiedsrichter lediglich die Gelbe Karte, wo Rot angezeigt und regelkonform gewesen wäre. Die fallweise Auslegung von Regeln durch Schiedsrichter setzt Anreize für strategisches Verhalten der Spieler. Auf diese Weise wird nicht nur den Regeln keine Geltung verschafft, am Ende werden auch Normen von Fairness untergraben. Immerhin „sanktionierten“ die Zuschauer das Verhalten de Jongs, indem zumindest die neutralen Zuschauer auf die Seite Spaniens schwenkten.

Es zeigt sich generell, dass im Fußball die Regeln und insbesondere die Sanktionierung von Regelverstößen inadäquat in Bezug auf die Zielsetzung sind, faires Verhalten zu implementieren. Häufig sind Sanktionen zu wenig abschreckend, etwa bei Gelben Karten, die oft keine zeitnahe und spielbezogene Strafe beinhalten, sondern einen zufälligen Gegner im nächsten Spiel begünstigen. Mal sind sie zu hart, wenn etwa ein Handspiel im Strafraum keine Großchance vereitelt, aber dennoch mit einem Strafstoß geahndet wird – also nicht sachgerecht nach der Güte der mit Regelverstoß vereitelten Chance, sondern willkürlich nach dem Ort des Geschehens gegeben wird.

Inadäquate Regeln können dazu führen, dass bestehende Normen zerstört werden und dadurch unfaires Verhalten begünstigt wird. Im Fußball gibt es Bedarf, Regeln zum Einen sachlogisch konsistenter zu machen und zum Anderen die bestehenden Regeln konsequenter und einheitlicher auszulegen. Es zeigt sich umgekehrt, dass adäquate Regeln und Sanktionen nicht nur faires Verhalten durch richtige Anreizsetzung implementieren, sondern auch Normen von Fairness Geltung verschaffen können.