HWWI Update EM Spezial 2012

EM 2012

Teamgeist oder geniale Momente – was entscheidet die EM?

von Henning Vöpel, Jana Stöver

Ab dem 8. Juni kämpfen 16 Mannschaften um den Titel des Europameisters 2012. Wie immer stellt sich im Vorfeld die Frage, welches Team der Favorit auf den Titel ist. Auch von Ökonomen werden dann immer wieder Prognosemodelle entwickelt, die den mutmaßlichen Titelträger vorhersagen sollen. Hinter jedem dieser Modelle steht irgendwie immer auch eine „Theorie“, welches die maßgeblichen Erfolgsfaktoren im Fußball sind.

Den besten Prognosegehalt liefern im Allgemeinen die Wettquoten; in sie fließen alle ex ante verfügbaren Informationen ein. Aus den Wettquoten lassen sich die Wahrscheinlichkeiten für den Titelgewinn berechnen.1 Doch welche Faktoren bestimmen wiederum die Wahrscheinlichkeiten der Mannschaften, den Titel zu erringen – ist es die Qualität der Einzelspieler, der Teamgeist oder eine spezifische Mischung aus beidem?

Spanien und Deutschland werden als den beiden Turnierfavoriten die gleichen Chancen eingeräumt (vgl. Tabelle). Spanien weist dabei gegenüber Deutschland den deutlich höheren Transferwert des Kaders aus, Deutschland hat dagegen die kleinere Standardabweichung, also eine größere Ausgeglichenheit des Kaders. Und Portugal beispielsweise hat gegenüber vielen anderen Mannschaften einen höheren Transferwert; dieser kommt jedoch fast ausschließlich durch Cristiano Ronaldo zustande. Entsprechend groß ist die Standardabweichung bzw. gering die Ausgeglichenheit im portugiesischen Team. Letztendlich sind die Chancen für Portugal daher kleiner als etwa für Italien oder die Niederlande.



Ein sehr einfaches Modell zeigt, dass sich die Wahrscheinlichkeiten eines Titelgewinns für die Mannschaften aus dem Transferwert
, also näherungsweise der Summe der Individuellen Qualitäten, und der Standardabweichung als Maß für die Ausgeglichenheit eines Teams weitgehend erklären lassen. Rund 84 % der Varianz der Wahrscheinlichkeiten werden durch Unterschiede im Transferwert und in der Standardabweichung erklärt. Je höher der Transferwert und je geringer die Standardabweichung, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit auf den Titelgewinn. Beide Erklärungsgrößen sind statistisch signifikant.


Dieses empirische Ergebnis hat eine theoretische Fundierung: Die Stärke einer Mannschaft ergib sich nicht aus der Summe der Einzelqualitäten, sondern aus deren Produkt. Das Ganze ist somit mehr als die Summe seiner Teile. Ein guter Stürmer ist nur halb soviel Wert, wenn er nicht präzise und oft aus dem Mittelfeld in Szene gesetzt wird.2 Dies hat für die Transferpolitik einer Vereinsmannschaft weitreichende Implikationen:

Bevor ein noch besserer Stürmer verpflichtet wird, sollte das Potenzial des vorhandenen Sturms ausgeschöpft werden, indem ein besserer Mittelfeldspieler geholt wird, der nicht nur eine Qualität an sich hat, sondern auch seine Mitspieler besser macht und die Rendite von Investitionen in diese Spieler maximiert. Da Nationalmannschaften keine Transfers tätigen, sondern aus einem gegebenen Pool an Spielern gebildet werden, erfolgt die Optimierung lediglich durch die Zusammenstellung des Kaders.

Wie die Wettquoten zeigen, erwartet uns eine spannende EM mit offenem Ausgang. Hohe Qualität und Ausgeglichenheit des Kaders erhöhen dabei die Chancen. Am Ende wird der Sieger aber auch eine Menge Glück gehabt haben. Und entweder wird es der Teamgeist oder ein genialer Moment eines Stars sein, der den Unterschied gemacht haben wird – um das herauszufinden, muss die EM aber erst noch gespielt werden.

Fußnoten

1 vgl. Quitzau, J.; Vöpel, H. (2009): Der Faktor Zufall im Fußball. Eine empirische Untersuchung für die Saison 2007/08, HWWI Research Paper 1-22, Hamburg. vgl. Quitzau, J.; Vöpel, H. (2012): "And the winner is…" –  wirtschaftliche Aspekte der EURO 2012, Hamburg.

2 vgl. Vöpel, H. (2006): Ein "ZIDANE-Clustering-Theorem" und Implikationen für den Finanzausgleich in der Bundesliga, HWWI Research Paper 1-3, Hamburg.