Doping im Radsport als kollektives Gleichgewicht

01.07.2006 | HWWI Research Paper | von Henning Vöpel

Der Fall "Jan Ullrich" hat jüngst bestätigt, was von vielen Experten der Radsportszene schon immer vermutet worden war: Doping im Radsport ist ein flächendeckendes Phänomen. In der sportökonomischen Literatur gibt es verschiedene Modelle, die zeigen, unter welchen Bedingungen Doping eine individuell rationale Strategie sein kann. Formal handelt es sich bei Doping um ein Nash-Gleichgewicht: Wählt mein Konkurrent die Strategie "Doping", ist es für mich ebenfalls vorteilhaft zu dopen. "Doping" ist die wechselseitig beste Antwort und für niemanden besteht ein Anreiz, von dieser Strategie abzuweichen. Aus wohlfahrtstheoretischer Sicht ist dieses Gleichgewicht jedoch sozial ineffizient. Ein garantierter vollständig dopingfreier Radsport würde nicht nur von den Zuschauern, sondern aufgrund der Gesundheitsrisiken des Dopings auch von den Fahrern selbst vorgezogen werden. An der Wettbewerbssituation unter den Fahrern änderte sich in beiden Zuständen, dem vollständig dopingfreien Zustand und jenem mit flächendeckendem Doping, nichts. Im Sinne des Pareto-Kriteriums könnten also alle Akteure in einem Zustand ohne Doping besser gestellt werden – ein klassisches Gefangenendilemma also.  Der Weltradsportverband UCI hat – zunächst sehr zögerlich – durch verschiedene Maßnahmen versucht, die "Auszahlungsmatrix" der Fahrer zu "manipulieren", um auf diese Weise dem Gefangenendilemma zu entrinnen. Die Kosten des Dopings für die Fahrer wurden erhöht, indem zum einen intensivere Dopingkontrollen und zum anderen eine schärfere Sanktionierung (lebenslange Sperren etc.) von Dopingvergehen eingeführt wurden. Doch trotz aller dieser Maßnahmen scheinen unvermindert hohe Anreize zum Doping im Radsport zu bestehen. Oft wird behauptet, dass es im Radsport eine fast schon traditionelle, sportart-spezifische "Doping-Kultur" gebe und das flächendeckende Doping im Radsport gewissermaßen einer kollektiven Rationalität folge. Es soll daher gezeigt werden, wie Doping in diesem Sinne als ein kollektives Verhaltensgleichgewicht erklärt werden kann. Zu diesem Zweck werden einige in der Literatur diskutierte verhaltenstheoretische Modelle auf das Doping-Phänomen im Radsport angewendet.

Autoren

Prof. Dr. Henning Vöpel