HWWI Update 01 2011

ALTENPFLEGE

Das Interesse von Jugendlichen mit Migrationshintergrund an der Altenpflege: Fallbeispiel Hamburg

von Tanja El-Cherkeh, Michael Fischer

Allmählich erreichen auch ausländischstämmige Menschen in Deutschland höhere Altersgruppen, so dass sich die Frage nach der Notwendigkeit spezifischer interkultureller Fähigkeiten in der Altenpflege stellt. Gleichzeitig stellen Jugendliche, die durch ihr Elternhaus unterschiedliche kulturelle und sprachliche Kenntnisse mitbringen, eine schnell wachsende demografische Gruppe dar. In einer im Auftrag der Stiftung Grone-Schule erstellten HWWI-Studie wurde daher für Hamburg untersucht, ob Jugendliche mit Migrationshintergrund sowohl das Interesse an als auch die Qualifikation für eine Ausbildung in der Altenpflege haben.

Ende 2009 verzeichnete der Hamburger Pflegemarkt 260 offene Stellen für Altenpfleger(innen) und etwa 130 für Altenpflegehelfer(innen), eine Situation, die sich laut Schätzungen der Hamburger Pflegegesellschaft noch verschärfen sollte. Mehr als 8 500 Fachkräfte aus der Alten- und Gesundheitspflege sind in den rund 500 Pflegediensten und -heimen in Hamburg beschäftigt. Unter ihnen haben sich etwa 85 ambulante Dienste auf die Pflege von älteren Zuwanderern spezialisiert; auch im stationären Bereich gibt es bereits spezifische Angebote für ältere Zuwanderer. Ende 2008 lebten 30 286 ausländische Menschen zwischen 60 und 79 Jahren sowie 3 007 im Alter von 80 Jahren und älter in Hamburg (im Jahr 2015 werden es voraussichtlich 49 300 und 5 200 ausländische Menschen in diesen Altersgruppen sein).

Jugendliche mit Migrationshintergrund stellen eine wichtige Zielgruppe für den Pflegemarkt in Hamburg dar. Zum einen nehmen sie mit 44 % aller jungen Menschen zwischen 6 und 18 Jahren in Hamburg einen beträchtlichen Anteil ein. Zum anderen werden gerade im Bereich der Altenpflege ihre sprachlichen und kulturellen Kenntnisse dringend benötigt. Für Zuwanderer der ersten Generation, die teilweise größere sprachliche Defizite aufweisen und eine starke Verbundenheit zum Herkunftsland fühlen, ist eine muttersprachliche und kultursensible Pflege hilfreich, um den Alterungsprozess fernab des Herkunftslandes zu erleichtern. Sprachliche und kulturelle Kenntnisse von Jugendlichen mit Migrationshintergrund – sofern als Mehrwert erkannt und gefördert – erhalten daher in diesem Kontext eine besondere Bedeutung.

Die Studie (siehe unten) basiert auf Experteninterviews, einer Fokusgruppendiskussion sowie einer Schülerbefragung unter Haupt- und Realschüler(innen) in 9. und 10. Klassen in Hamburg. Die Studienergebnisse zeigen, dass rund ein Viertel der Schüler(innen) mit Migrationshintergrund sich vorstellen kann, eine Ausbildung als Altenpfleger(in) oder Pflegeassistent(in) (bzw. „Gesundheits- und Pflegeassistent(in)“) zu machen. Mit 24,3 % können sich Schüler(innen) mit Migrationshintergrund häufiger als Schüler(innen) ohne Migrationshintergrund (15,6 %) vorstellen, sich im Pflegebereich ausbilden zu lassen. Dieser Unterschied ist weniger auf die weiblichen Schüler mit und ohne Migrationshintergrund zurückzuführen, deren Anteile kaum Unterschiede aufweisen, sondern vielmehr auf die männlichen Schüler. Sind es lediglich 5,6 % der männlichen Schüler ohne Migrationshintergrund, die sich eine Ausbildung im Bereich der Altenpflege vorstellen können, so sind es 18 % unter den männlichen Schülern mit Migrationshintergrund.

Dieses erhebliche Potenzial für eine Ausbildung im Bereich der Altenpflege wird jedoch durch zwei Faktoren eingeschränkt. Zum einen verläuft die schulische Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund insgesamt nicht zufriedenstellend. Der Anteil der ausländischen Schüler(innen) ist an den Haupt- und Förderschulen überdurchschnittlich hoch, an den Gymnasien vergleichsweise niedrig. Rund doppelt so viele Schüler(innen) mit ausländischer Staatsangehörigkeit im Vergleich zu Schüler(inne)n mit deutscher Staatsangehörigkeit verlassen die Schule ohne Abschluss. Für eine Ausbildung im Pflegesektor fehlt damit oftmals die formale oder sprachliche Qualifikation. Zum anderen erscheint die Altenpflege – trotz des oben genannten Interesses – zunächst nicht als Wunschberuf. Nach Einschätzung von Experten werde eine Ausbildung in der Altenpflege erst dann gewählt, wenn der Versuch, einen aus Sicht der Bewerber attraktiveren Beruf zu ergreifen, scheitert. Dieses eher geringe Ansehen des Pflegeberufes wird ebenfalls durch die Untersuchung bestätigt. So sind 67,1 % der Befragten der Meinung, die Arbeit im Bereich der Altenpflege werde nicht gut bezahlt, und 65,1 % glauben, die Arbeit sei nicht interessant und abwechslungsreich. Damit bliebe im Ergebnis ein unterdurchschnittlich qualifizierter Bewerberpool, da sich besser qualifizierte Kandidaten mit großer Wahrscheinlichkeit in anderen Sektoren erfolgreich bewerben.

Neben der grundsätzlichen Frage der schulischen Integration ergibt sich daher ein erheblicher Handlungsbedarf, der sowohl Fragen des Zugangs zur Ausbildung sowie die Vermittlung von fundierten Informationen über ein vielseitiges Berufsfeld einbezieht.

STUDIE

El-Cherkeh, T., Fischer, M. (2010): Berufsausbildung in der Altenpflege: Einstellungen und Potenziale bei jungen Menschen mit Migrationshintergrund in Hamburg, HWWI Policy Paper 3-17, Hamburg.