Pressemitteilung
Euro-Schuldenkrise bremst deutsche Konjunktur
Das Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) hat seine Prognose der wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland aktualisiert und wegen der Zuspitzung der Euro-Schuldenprobleme nach unten revidiert. Für 2011 wird nunmehr mit einem Wirtschaftswachstum von 3 % gerechnet, für 2012 mit einem von 0,5 %. Die deutsche Wirtschaft ist zwar bis zum Herbst dieses Jahres noch spürbar gewachsen, wenngleich sich der Aufschwung mit dem Auslaufen des Aufholprozesses nach der vergangenen Finanz- und Wirtschaftskrise verlangsamt hat. Auch hat sich die Lage am Arbeitsmarkt weiter verbessert. Insoweit hat sich die Prognose von vor einem Jahr weitgehend erfüllt, allerdings sind auch die damals genannten externen Risiken zunehmend virulent geworden. Die Euro-Schuldenkrise greift nun mehr und mehr auf die Realwirtschaft über, sodass sich die Perspektiven eingetrübt haben.
Die guten binnenwirtschaftlichen Rahmenbedingungen und die noch hohen Auftragsbestände auch aus dem Ausland haben die kontraktiven Einflüsse von außen bislang weitgehend abgefedert. Die gute Beschäftigungsentwicklung stützte Einkommen und privaten Konsum. Da sich zudem die Kaufneigung etwas erhöht hat, nahmen die realen Konsumausgaben stärker zu als die realen verfügbaren Einkommen. Weiterhin ausgeweitet wurden angesichts der hohen Auslastung der Kapazitäten auch die Unternehmensinvestitionen. Und auch im Wohnungsbau stiegen aufgrund der anhaltend sehr niedrigen Zinsen, der verbesserten Beschäftigungs- und Einkommenslage und wohl teilweise auch aufgrund aufgekommener Inflationsbefürchtungen die Investitionen kräftig. Die in einer Reihe von Ländern eskalierenden Schuldenprobleme blieben gleichwohl nicht ganz ohne Auswirkungen. Dadurch und durch das verringerte Expansionstempo auch in anderen Regionen, wie in den USA und auch in den Schwellenländern, wurde der Welthandel gedämpft. Entsprechend hat sich die Zunahme bei den Exporten im Laufe dieses Jahres abgeflacht.Wichtige Konjunkturstützen bleiben auch im kommenden Jahr der private Konsum und der Wohnungsbau. Die Beschäftigung dürfte trotz der konjunkturellen Abschwächung stabil bleiben, da die Unternehmen ihre Fachkräfte zu halten bestrebt sind. Weil die diesjährigen, etwas höheren Tarifabschlüsse bis ins nächste Jahr hinein wirken, werden die Löhne und Gehälter nur wenig verlangsamt weiter steigen. Da sich zugleich die Teuerung verringert, dürften sich die realen verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte im kommenden Jahr wie 2011 um etwa 1 % erhöhen. In dieser Größenordnung wird dann auch der private Konsum zunehmen. Kräftiger noch wird wohl die Wohnungsbautätigkeit ausgeweitet. Die Baugenehmigungen haben sich im Laufe dieses Jahr außerordentlich stark erhöht und die Rahmenbedingungen bleiben insgesamt günstig. Die öffentlichen Bauinvestitionen werden nach dem Auslaufen der Konjunkturprogramme zwar merklich sinken, insgesamt werden die Bauinvestitionen aber noch zunehmen. Kaum noch ausweiten werden angesichts der unsicheren Aussichten die Unternehmen ihre Investitionen. Alles in allem wird die Inlandsnachfrage 2012 wie 2011 einen wichtigen, aber geringeren Wachstumsbeitrag leisten.
Gedämpft wird die deutsche Konjunktur durch die globale Wachstumsabschwächung. Der Welthandel wird merklich verlangsamt expandieren, weil der Euroraum in die Rezession gerät und die Expansion in Übersee an Dynamik verliert. Deshalb werden die deutschen Exporte insgesamt nur wenig zunehmen. Da die Importe stärker steigen, werden vom Außenhandel insgesamt kontraktive Effekte ausgehen. Unter diesen Bedingungen wird die gesamtwirtschaftliche Produktion im Schlussquartal dieses Jahres und in den ersten Monaten des nächsten Jahres kaum mehr als stagnieren, möglicherweise etwas sinken. Auch wenn im weiteren Jahresverlauf 2012 mit einer allmählichen Wiederbelebung der Konjunktur gerechnet wird, wird das Wachstum voraussichtlich lediglich ½ % betragen. Die Unternehmen werden auch bei schwächerer Produktionsentwicklung ihre Fachbelegschaft zu halten versuchen, sodass die Zahl der Arbeitslosen nicht steigen dürfte. Die Inflationsrate sollte bei konjunkturell bedingt geringen Preiserhöhungsspielräumen und nachlassenden Energieverteuerungen wieder unter die 2-Prozent-Marke fallen.
Die Basisprognose geht von einem Erhalt der Eurozone aus und davon, dass die negativen Auswirkungen der Krise weitgehend auf die Eurozone begrenzt bleiben. Die Schuldenkrise ist aber nicht ausgestanden, sie könnte auch weiter eskalieren. Eine schnelle Lösung der Struktur- und Haushaltsprobleme in den Krisenländern zeichnet sich nicht ab, sodass das Risiko einer ungünstigeren Entwicklung als hier prognostiziert größer ist als die Chance für eine bessere. Inwieweit diese Risiken virulent werden, hängt einmal von den Maßnahmen in den jeweiligen Ländern ab, zum anderen von anstehenden Beschlüssen auf EU-Ebene und auch von der Geldpolitik der EZB.
HWWI Policy Paper 63 „Schuldenkrise dämpft Wachstum“
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