Pressemitteilung

Konjunkturaussichten haben sich eingetrübt

04. September 2014

Das Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) hat seine Prognose der wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland für 2014 und 2015 aktualisiert und nach unten revidiert. Die Entwicklung im Euroraum ist momentan durch eine geringe Dynamik gekennzeichnet und das außenwirtschaftliche Umfeld liefert insgesamt kaum expansive Impulse. Gleichzeitig haben die Konflikte in der Ukraine und im Nahen Osten größere Unsicherheiten verursacht, sodass der erhoffte Investitionsaufschwung ausgeblieben ist. Auf Basis dieser Entwicklung und unter der Annahme, dass die Situation in der Ukraine und im Nahen Osten nicht eskaliert und ein Abrutschen in die Deflation erfolgreich von der Europäischen Zentralbank (EZB) verhindert werden kann, rechnen wir für das Jahr 2014 nunmehr mit einem Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts von 1,6 %. Nichtsdestotrotz steht die deutsche Wirtschaft weiterhin auf einem soliden Fundament und auch die Weltkonjunktur sollte sich im nächsten Jahr insgesamt wieder kräftiger zeigen, sodass für 2015 ein Wachstum von 2,0 % zu erwarten ist.

Im zweiten Quartal des laufenden Jahres ist das reale Bruttoinlandsprodukt gegenüber dem Vorquartal geschrumpft (-0,2 %). Der äußerst milde Winter hatte dazu geführt, dass vor allem Bauinvestitionen bereits im ersten Quartal realisiert wurden. Zwar war mit einem technischen Korrektureffekt aufgrund des starken Wachstums (0,7 % im ersten Quartal) zu Beginn des Jahres zu rechnen, dieser fiel aber stärker aus als erwartet. Insgesamt haben sich im ersten Halbjahr die Exporte und die Investitionen schwächer entwickelt. So lieferte der Außenbeitrag insgesamt einen negativen Wachstumsbeitrag; die Importe stiegen kräftiger als die Exporte. Aufgrund der erhöhten Unsicherheit angesichts der internationalen politischen Konflikte und der schleppenden Erholung im Euroraum weiteten die Unternehmen ihre Investitionen zuletzt nicht so stark aus. Wichtigste Wachstumsstütze blieb weiterhin der private Konsum. Dies lag nicht zuletzt an der robusten Lage auf dem Arbeitsmarkt.

„Für die zweite Jahreshälfte ist zwar weiter mit Wachstum zu rechnen, allerdings wird sich die Wachstumsdynamik abschwächen“, sagt Anja Rossen, Konjunkturexpertin am HWWI. Hierfür spricht, dass sich die Stimmung in der Wirtschaft zuletzt deutlich eingetrübt hat. So ist der ZEW-Index im August überraschend stark zurückgegangen und auch der ifo-Index ist bereits das vierte Mal in Folge gesunken. Ebenso lieferte das außenwirtschaftliche Umfeld nicht die erhofften positiven Impulse. Während die USA zuletzt zwar mit erfreulichen Wirtschaftsdaten überraschte, nimmt die Konjunktur im Euroraum nur sehr zaghaft an Fahrt auf. „Vor dem Hintergrund der konjunkturellen Schwäche und der Deflationsrisiken im Euroraum stellt sich die Frage, inwieweit die EZB mit den verbleibenden Mitteln der Geldpolitik noch expansiv auf die gesamtwirtschaftliche Nachfrage wirken kann. Auch wenn es im Euroraum mittelfristig einer Konsolidierung der nationalen Haushalte bedarf, erfordert ein optimaler Konsolidierungspfad in Europa derzeit eine aktivere Rolle der Fiskalpolitik“, sagt Prof. Dr. Henning Vöpel, Direktor und Leiter des Forschungsbereichs Konjunktur und Weltwirtschaft am HWWI. 

Die positive Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt setzt sich in diesem Jahr fort. Die Zahl der Erwerbstätigen wird auch 2014 deutlich zunehmen. Die Arbeitslosenquote wird im Jahresdurchschnitt bei 6,3 % liegen. Die in diesem Jahr sehr niedrige Inflationsrate ist durch kräftig sinkende Energiepreise und den nachlassenden Preisauftrieb bei den Nahrungsmitteln bedingt. Im nächsten Jahr sollte sich die Inflationsrate in Deutschland aufgrund zunehmend ausgelasteter Kapazitäten, der Einführung des Mindestlohnes und eines allgemeinen Anstiegs der Lohnstückkosten wieder erhöhen, aber nahe unter der 2 %-Stabilitätsmarke bleiben. Die insgesamt steigenden Reallöhne werden den privaten Konsum auch im nächsten Jahr stützen. Einen weiteren Beitrag werden angesichts der auch im nächsten Jahr günstig bleibenden Finanzierungsbedingungen und eines Nachholbedarfs der Unternehmen die Investitionen leisten. Insgesamt wird die inländische Nachfrage auch im Prognosezeitraum die wichtigste Wachstumsstütze bleiben. Auch wenn sich die Weltwirtschaft im Prognosezeitraum etwas beleben sollte und der Euroraum sich sehr langsam erholen wird, ist vom Außenbeitrag 2014 und 2015 kein nennenswerter Wachstumsbeitrag zu erwarten.

Eine mögliche Eskalation der geopolitischen Situation bleibt neben den Risiken eines Rückfalls Italiens und anderer Länder der Eurozone in die Rezession weiterhin das größte Risiko für diese Prognose. Beide Risiken können die konjunkturelle Stimmung in den nächsten Monaten weiter eintrüben. 

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