Konjunktur

Aktuelle HWWI-Konjunkturprognose

02.06.2020 | Pressemitteilung | von Jörg Hinze, Henning Vöpel
© B&E

Sukzessive Erholung der deutschen Wirtschaft

- Krisenbewältigung im Zuge der Lockerung der Schutzmaßnahmen

- Wiedererreichen des Vor-Corona-Niveaus kaum vor 2. Jahreshälfte 2021

(Hamburg, 2. Juni 2020) Das Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) hat angesichts der gravierenden Auswirkungen der Corona-Pandemie seine Prognose der Wirtschaftsentwicklung in Deutschland für 2020/2021 angepasst. Die gesamte Weltkonjunktur ist davon schwer betroffen. Die deutsche Wirtschaft ist durch die Einschränkung globaler Wirtschaftsbeziehungen wie auch durch die hiesigen Schutzmaßnahmen in eine tiefe Rezession geraten. Im Frühjahr wurde die Wirtschaftstätigkeit in vielen Bereichen stark gedrückt, teilweise lahmgelegt. Wie schnell sich die Wirtschaft davon erholt, hängt vor allem vom weiteren Verlauf der Pandemie ab. Das HWWI erwartet angesichts der deutlich verringerten Infektionsentwicklung und im Zuge der eingeleiteten Lockerungsmaßnahmen eine moderate V-Erholung. Für 2020 bedeutet das gleichwohl einen Rückgang der gesamten Wirtschaftsleistung von 5 %, für 2021, wenn zu der Wiederbelebung auch Nachholeffekte beitragen, ein Wachstum von 4,5 %. Eine ungünstigere Entwicklung ist aber bei Rückschlägen in der Pandemie-Entwicklung wahrscheinlich.

 

Im Detail

Nachdem die deutsche Wirtschaft schon recht schwach in dieses Jahr gestartet war, geriet sie im Frühjahr durch die Ausbreitung der Corona-Pandemie in eine tiefe Rezession. Nicht nur, dass es zu globalen Unterbrechungen von Handels- und Lieferketten sowie Produktionsausfällen kam, durch die sogenannten Shutdowns hierzulande wie auch in fast allen Partnerländern wurden viele wichtige Wirtschaftsbereiche drastisch „heruntergefahren“, manche vollkommen lahmgelegt. Ein tiefer Einbruch der Wirtschaft zwischen Mitte März und Mitte Mai war die Folge. Die Kurzarbeit stieg, gestützt durch staatliche Maßnahmen, sprunghaft an; aber auch die Zahl der Arbeitslosen nahm deutlich zu.

Der jüngste Einbruch der Wirtschaft unterscheidet sich von „normalen“ Rezessionen: Die Wirtschaft wurde diesmal durch politische Beschlüsse heruntergefahren. Die Politik hat durch umfangreiche Hilfsprogramme zwar zugleich versucht, die ökonomischen Folgen zu begrenzen. Eine rasche Erholung der Wirtschaft nach Beendigung der Pandemie wäre so denkbar – wäre das Ende der Pandemie und die damit verbundene Lockerung der Beschränkungen nicht abhängig von der Verfügbarkeit entsprechender Medikamente und Impfstoffe. Diese sind aber noch nicht verfügbar und der weitere Lockerungsprozess ist abhängig vom weiteren Infektionsgeschehen – also eine in absehbarer Zeit ziemlich ungewisse Entwicklung.

Unter diesen Bedingungen wird es lediglich eine sukzessive Lockerung geben. Deshalb ist ein symmetrischer V-Aufschwung unwahrscheinlich. Vielmehr wird die Wiederbelebung der Wirtschaft entsprechend der Lockerungsschritte vorankommen. Selbst vorausgesetzt es gibt keine Rückschläge in der Pandemie-Entwicklung wird so der Wiederaufhol- und Anpassungsprozess an die veränderten Rahmenbedingungen einige Zeit in Anspruch nehmen. Das birgt trotz der vielfältigen staatlichen Hilfsprogramme gewisse Hemmnisse: Die Unsicherheit über die weitere wirtschaftliche Entwicklung hat zugenommen, damit verschieben und reduzieren die Unternehmen ihre Investitionen und Einstellungsbereitschaft. Selbständige und selbst größere Unternehmen haben vielfach nicht die finanziellen Rücklagen, um eine längere Zeit ohne oder bei stark reduzierter Aktivität durchzuhalten; das heißt in den stärker beschränkten Wirtschaftsbereichen wird es zu Insolvenzen kommen. Und auch die privaten Haushalte haben den Kauf langlebiger Güter vielfach aufgeschoben und die zunehmende Arbeitslosigkeit dämpft die Kaufneigung. Also selbst bei rascher Eindämmung der Pandemie und Aufhebung aller Einschränkungen wird die gesamtwirtschaftliche Aktivität nicht „automatisch“ auf das Niveau vor der Corona-Pandemie zurückkehren.

Mit Beginn der Lockerungsmaßnahmen wird sich die Wirtschaftsentwicklung auf gedrücktem Niveau stabilisieren. Auch wenn die gesamtwirtschaftliche Aktivität im Mai und Juni wieder ansteigt, wird dadurch der Einbruch im März/April nicht annähernd kompensiert werden können. Das reale Brut-toinlandsprodukt wird im zweiten Quartal noch einmal deutlich stärker sinken als schon im ersten Quartal. Im dritten und vierten Quartal wird es dann zwar – immer vorausgesetzt es gibt keine zweite Welle der Pandemie – wieder merklich zunehmen, die Rückgänge im Frühjahr werden dadurch allerdings nicht ausgeglichen werden können. Alles in allem ist mit einem Rückgang des realen Bruttoinlandsprodukts in diesem Jahr um 5 % zu rechnen; im Jahr 2009 nach der Finanzkrise betrug er 5,7 %. Das wird auch zu einem Stellenabbau führen; dabei ist schwer abzuschätzen, inwieweit die drastische Ausweitung von Kurzarbeit letztlich zu Arbeitslosigkeit führt.

Im nächsten Jahr ist bei Eindämmung der Corona-Pandemie, zumal dann auch Medikamente und Impfstoffe zur Verfügung stehen sollten, eine durch Nachholeffekte und Förderprogramme verstärkte Erholung der Wirtschaft zu erwarten. Dabei werden sich auch die außenwirtschaftlichen Handels-, Reise- und Produktionsbeziehungen wieder mehr und mehr normalisieren. Die Binnenkonjunktur wird ebenfalls an Stärke gewinnen, zumal sich auch die Lage am Arbeitsmarkt wieder entspannen wird. In der zweiten Jahreshälfte 2021 könnte wieder das Vor-Corona-Niveau erreicht werden. Hinzu kommt ein hoher Überhang zur Jahreswende 2020/21, sodass das reale Bruttoinlandsprodukt dann im Gesamtjahr 2021 um 4,5 % wachsen könnte. Die Zahl der Arbeitslosen wird leicht, die der Kurzarbeiter deutlich sinken. Der Anstieg der Verbraucherpreise bleibt moderat; steigenden Energiepreisen werden sinkende Obst- und Gemüsepreise gegenüberstehen.

Diese Prognose steht unter dem Vorbehalt, dass die bisherigen Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie so erfolgreich sind, dass sich die wirtschaftlich negativen Folgen in dem bislang bekannten Rahmen halten und es nicht zu Rückschlägen, wie einer zweiten oder gar dritten Welle kommt. Die Risiken einer ungünstigeren Entwicklung der Corona-Pandemie und damit einer länger andauernden und tieferen Rezession sind gleichwohl gegeben. Bundesregierung und Bundesländer haben umfangreiche Hilfen für von der Corona-Pandemie betroffene Unternehmen und deren Arbeitnehmer erlassen. Zusätzliche konjunkturpolitische Maßnahmen werden erwogen, um die Wiederbelebung der Wirtschaft zu beschleunigen, damit sie wieder rasch an das Vor-Corona-Niveau aufschließt.

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Autoren

Jörg Hinze
Prof. Dr. Henning Vöpel