Konjunktur

Aktuelle HWWI-Konjunkturprognose

03.03.2021 | Pressemitteilung | von Jörg Hinze, Henning Vöpel
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Wirtschaft wartet auf Überwinden der Pandemie

- Lockdown-Verlängerungen zögern Erholung hinaus

- 2021 und 2022 Wachstum von jeweils 3 %

- Preissprünge durch Sonderfaktoren

(Hamburg, 3. März 2021) Das Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) aktualisiert angesichts der Verlängerungen des zweiten Lockdowns seine Prognose der Wirtschaftsentwicklung in Deutschland. Nach der teilweisen Erholung nach dem ersten Lockdown im Frühjahr vergangenen Jahres haben die seit November erneuten sowie mehrfach verlängerten und verschärften Einschränkungen die Wirtschaft im Winterhalbjahr 2020/21 abermals gedämpft. Mit einer Fortsetzung des Erholungsprozesses ist somit erst nach diesem Frühjahr zu rechnen, wenn Impfungen und wärmeres Wetter die Pandemie eindämmen. Nach einem Rückgang der Wirtschaftsleistung 2020 um 4,9 % ist dann für 2021 und für 2022 ein Wachstum von jeweils 3 % zu erwarten. Die Inflationsrate hat sich zu Beginn dieses Jahres infolge der Wiederanhebung der Mehrwertsteuer und der neu eingeführten CO2-Abgabe zwar merklich erhöht, dies bedeutet aber noch keinen inflationären Prozess. Die erwartete Erholung der Wirtschaft hat die Entwicklung am Arbeitsmarkt wieder stabilisiert.

 

Im Detail

Seit Spätherbst vergangenen Jahres ist eine zweite Corona-Welle im Gange, die nun schon länger anhält als die erste im letztjährigen Frühjahr. Die Lockdown-Beschränkungen seit November haben die wirtschaftliche Entwicklung erneut gedämpft, allerdings weniger stark als während des ersten Lockdowns. Insgesamt zeigt sich die deutsche Wirtschaft als relativ robust. Insbesondere die Industrie konnte die Produktion diesmal weitgehend aufrechterhalten. Die Bauwirtschaft ist ohnehin recht gut durch die Krise gekommen. Problematisch ist sicherlich die Situation in jenen Wirtschaftsbereichen, die vom aktuellen Lockdown wie schon im ersten am stärksten betroffen sind, besonders in den kontaktintensiveren Dienstleistungsbereichen (Handel, Gastronomie, körperbezogene Dienstleistungen, Tourismus); das wird dort zu vermehrten Insolvenzen führen. Alles in allem wird das preis- und saisonbereinigte Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal dieses Jahres nochmals merklich gesunken sein.

Die Erfahrungen aus der ersten Corona-Welle, der Umgang damit und vor allem die angelaufenen Impfungen – all das verbessert aber auch die Aussicht auf ein Überwinden der Pandemie in den nächsten Monaten. Die Unternehmen versuchen daher vielfach ihre Beschäftigung zu halten, teilweise beugen sie durch Neu- und Wiedereinstellungen bereits einem möglichen Fachkräftemangel vor. Die Arbeitsmarktlage hat sich so seit Mitte letzten Jahres trotz des erneuten Lockdowns sogar wieder leicht gebessert.

Die Inflationsrate, die Mitte letzten Jahres nach der temporären Senkung der Mehrwertsteuer sogar in den Minusbereich gesunken war, ist Anfang dieses Jahres auf 1,0 % „gesprungen“. Dieser Anstieg ist zum Großteil durch die Rücknahme der Mehrwertsteuersenkung sowie die Einführung einer CO2-Abgabe auf Energieprodukte bedingt. Einen nochmaligen Sprung – auf voraussichtlich sogar über 2 % – wird es nochmal zur Jahresmitte geben, da es dann wegen der Mehrwertsteuersenkung im Vorjahr zu einem „Basiseffekt“ kommt. Sicherlich wird mit Erholung der Wirtschaft und aufgrund gestiegener Rohstoffpreise auch der Preisdruck etwas zunehmen. Ein ausgeprägter inflationärer Prozess ist aber wenig wahrscheinlich. Ab Anfang 2022 werden die genannten Sonderfaktoren keinen Einfluss mehr auf die Inflationsrate haben; sie dürfte sich dann bei knapp 2 % bewegen.

In nächster Zeit wird die Zahl der Infektionen, auch wegen der stärker infizierenden Mutationen, voraussichtlich nur langsam zurückgehen; damit werden umfangreiche Beschränkungen zunächst fortbestehen. Erst im Frühsommer, wenn nach den bisherigen Erfahrungen die Zahl der Infektionen wieder zurückgeht und die Impfungen weitere Bevölkerungskreise umfassen, wird mit zunehmender Lockerung der Erholungsprozess der Wirtschaft wieder in Gang kommen. Sowohl die Inlandsnachfrage, insbesondere der private Konsum und die Unternehmensinvestitionen, als auch die Auslandsnachfrage – der Außenhandel sollte sich zudem mit allmählicher Überwindung der Pandemie erleichtern – werden sich dann wieder festigen. Dabei wird dann auch einiges an Konsum und Investitionen nachgeholt; die während der Krise stark gestiegene Sparquote hat die Kaufkraft der Haushalte deutlich erhöht. Im restlichen Jahresverlauf ist infolgedessen mit einem wieder beschleunigten Wachstum zu rechnen. Die jahresdurchschnittliche Wachstumsrate 2021 wird wegen der aufgrund der zweiten Corona-Welle gedrückteren Entwicklung um die Jahreswende 2020/2021 mit 3 % niedriger ausfallen als in vorangegangenen Prognosen angenommen. Die Situation am Arbeitsmarkt sollte sich dann im Jahresverlauf weiter verbes-sern, Kurzarbeit und Arbeitslosenzahlen sich verringern. Die Inflationsrate wird trotz der beschriebenen „Sprünge“ aufgrund von Sonderfaktoren in diesem Jahr aber im Durchschnitt nicht die 2-Prozent-Marke überschreiten.

Im Jahr 2022 sollte die Pandemie weitgehend unter Kontrolle gebracht sein. Ferner lassen sich zumindest aus heutiger Sicht kaum konjunkturdämpfende Faktoren ausmachen, weder national noch international. Vielmehr dürfte auch die Weltwirtschaft sich nachhaltig erholen. Die Bedingungen für einen fortgesetzten Aufschwung sind daher recht günstig. Dabei werden die Unternehmen verstärkt während der Krise aufgeschobene Investitionen nachholen. Das Wachstumstempo wird nach dem Aufholprozess gleichwohl im Laufe des nächsten Jahres wieder in Richtung Potenzialpfad einschwenken. Alles in allem dürfte das reale Bruttoinlandsprodukt 2022 – auch dank eines noch erheblichen Überhangs aus dem Jahr 2021 – erneut um rund 3 % zunehmen. Die Lage am Arbeitsmarkt dürfte sich ebenfalls wieder dem Vor-Corona-Stand nähern. Der Anstieg der Verbraucherpreise „normalisiert“ sich wieder und bleibt knapp unterhalb der 2-Prozent-Marke.

Diese Prognose steht unter der Prämisse, dass es zu einer nachhaltigen Eindämmung der Pandemie-Entwicklung kommt. Die Aussichten auf eine Lockerung der Einschränkungen durch die Corona-Epidemie im Laufe dieses Jahres sind momentan recht gut. Neue Mutanten und zunehmender Druck, möglicherweise zu früh zu lockern, bergen allerdings ein – wenn auch bei zunehmenden Impfungen reduziertes – Risiko neuer Rückschläge. Auch muss die Pandemie international unter Kontrolle gebracht werden, um wieder vollkommen freien Waren- und Reiseverkehr zu ermöglichen.

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Vollständige Darstellung aller makroökonomischen Aggregate (PDF)

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Autoren

Jörg Hinze
Prof. Dr. Henning Vöpel