Konjunktur

Aktuelle HWWI-Konjunkturprognose

02.06.2021 | Pressemitteilung | von Jörg Hinze, Henning Vöpel
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Aussicht auf Überwindung der Pandemie sorgt für dynamische Erholung der Wirtschaft

- Kräftiges Aufholwachstum im weiteren Verlauf dieses Jahres

- Im kommenden Jahr trotz Wachstumsverlangsamung BIP-Anstieg von 3 %

- Anstieg der Inflation nur vorübergehend

(Hamburg, 2. Juni 2021) Das Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) hat seine Prognose der Wirtschaftsentwicklung in Deutschland aktualisiert. Nach der erneuten Dämpfung der Konjunktur infolge des zweiten Lockdowns im Winterhalbjahr 2020/21 zeichnet sich nun mit den Impffortschritten sowie Lockerungen eine Fortsetzung des seit Herbst unterbrochenen Erholungsprozesses ab. Nach dem Einbruch der Wirtschaftsleistung im vergangenen Jahr um 4,8 % ist sowohl für 2021 als auch für 2022 mit einem Wachstum von 3 % zu rechnen. Das Niveau vor Ausbruch der Pandemie wird dann wieder erreicht. Die Teuerungsrate für die Verbraucherpreise wird im Laufe dieses Jahres infolge von Sonderfaktoren zwar merklich über 2 % steigen, ein nachhaltiges Inflationsproblem ist damit jedoch nicht verbunden. Auch am Arbeitsmarkt zeichnet sich eine Besserung ab, zunächst vor allem durch Verringerung von Kurzarbeit.

 

Im Detail

Im vergangenen Winter und Frühjahr haben eine zweite und eine dritte Corona-Welle die deutsche Wirtschaft in Deutschland erneut gedämpft, allerdings nicht so stark wie während des ersten Lockdowns. Gleichwohl lag das preis- und saisonbereinigte Bruttoinlandsprodukt nach dem 1. Quartal dieses Jahres 5 % unter dem Niveau vor Ausbruch der Krise Ende 2019. „Abgefedert“ wurde der Rückgang zuletzt durch recht stabile Entwicklungen in der Industrie und in der Bauwirtschaft. Erneut besonders betroffen waren die schon während des ersten Lockdowns stark eingeschränkten Wirtschaftsbereiche wie Handel, Gastronomie, körperbezogene Dienstleistungen oder Tourismus. Deutlich erhöht hat sich seit Jahresbeginn die Anstiegsrate der Verbraucherpreise. Dafür waren vor allem Sonderfaktoren verantwortlich, wie die Wiederanhebung der Mehrwertsteuer und die neu eingeführte CO2-Abgabe zu Beginn dieses Jahres sowie die gegenüber dem Vorjahr stark erhöhten Energiepreise (Basiseffekt wegen des Einbruchs der Ölpreise am Weltmarkt vor einem Jahr nach Beginn der Pandemie). Ohne Energiepreise läge die Inflationsrate aktuell bei knapp 1 1/2 %.

Mit Fortschreiten des Impfprozesses sowie wärmerem Wetter haben sich die Aussichten auf eine baldige Eindämmung der Pandemie deutlich verbessert. Die laufenden Lockerungen der bisherigen Beschränkungen ermöglichen es den davon am stärksten betroffenen Wirtschaftsbereichen, sich wieder zu entfalten, verbessern tendenziell aber auch die Rahmenbedingungen für die übrige Wirtschaft. Von der Verwendungsseite her betrachtet ist zudem mit umfangreichen Nachholkäufen der privaten Haushalte – die Sparquote war während der Lockdowns stark gestiegen – sowie einer Erhöhung der Investitionsneigung der Unternehmen zu rechnen. Die Auslandsnachfrage hat bereits angezogen und wird in diesem Jahr wieder einen beachtlichen Wachstumsbeitrag leisten. Daher ist mit einer breitangelegten, kräftigen Erholung der deutschen Wirtschaft im weiteren Jahresverlauf zu rechnen. Hier wird mit einem preis- und saisonbereinigten Anstieg des Bruttoinlandsprodukts bis Jahresende um 5 % gerechnet; im Jahresdurchschnitt 2021 bedeutet dies ein Wachstum von 3 %. Die Unternehmen werden einmal die noch erhebliche Zahl an Kurzarbeitern wieder voll beschäftigen, aber auch zunehmend wieder Neueinstellungen vornehmen. Die Inflationsrate wird zur Jahresmitte wegen der temporären Mehrwertsteuersenkung vor einem Jahr (Basiseffekt) nochmals einen Sprung machen. Ein nachhaltiger inflationärer Prozess ist aber wenig wahrscheinlich; ab Anfang 2022 werden die genannten Sonderfaktoren keinen Einfluss mehr auf die Inflationsrate haben.

Die laufende Infektions- und Impfentwicklung lassen erwarten, dass die Pandemie im späteren Verlauf dieses Jahres weitgehend unter Kontrolle gebracht wird. Für das Jahr 2022 lassen sich daher nicht nur von dieser Seite erneute dämpfende Einflüsse weitgehend ausschließen, sondern hierzulande wie auch in großen Teilen der Weltwirtschaft wird es zu Normalisierungs- und Erholungsprozessen kommen. Die Bedingungen für eine Fortsetzung des Aufschwungs sind daher günstig. Das Kaufverhalten der privaten Haushalte wird sich normalisieren, die Sparquote wieder verringern, der Konsum deutlich zunehmen. Die Unternehmen werden auch während der Krise aufgeschobene Investitionen nachholen. Die Auslandsnachfrage wird sich stabilisieren, die Exporte weiter spürbar zunehmen. Allerdings werden auch die Importe deutlich steigen, sodass die Wachstumsimpulse von außen insgesamt nachlassen. Lediglich die öffentlichen Haushalte, die in Pandemiezeiten kräftig ausgeweitet wurden, dürften nun wieder „zurückgefahren“ werden, teils automatisch wegen geringerer Transfers, teils bewusst zwecks Eindämmung der Defizite. Dies sollte nicht, wird aber teilweise auch die öffentlichen Investitionen betreffen, vor allem auf kommunaler Ebene. Sicherlich wird der Aufholprozess im Laufe des nächsten Jahres mit zunehmender Dauer an Dynamik nachlassen und Richtung Potenzialpfad einschwenken. Das Vor-Corona-Niveau dürfte das preis- und saisonbereinigte Bruttoinlandsprodukt im Laufe der ersten Jahreshälfte 2022 wieder erreichen. Im Jahresdurchschnitt 2022 wird dann das Wirtschaftswachstum – auch dank eines noch erheblichen Überhangs aus dem Jahr 2021 von etwa 2 % – erneut rund 3 % betragen. Die Lage am Arbeitsmarkt wird sich bei dieser Entwicklung ebenfalls wieder verbessern, die Zahl der Arbeitslosen merklich sinken. Bei der Entwicklung der Verbraucherpreise fallen 2022 die in diesem Jahr wirkenden Basiseffekte weg; die Inflationsrate dürfte deshalb schon kurz nach Jahresbeginn unterhalb die 2-Prozent-Marke fallen.

Erhebliche Risiken für Prognosen der letzten Zeit haben sich zumindest deutlich verringert. Die Aussichten auf eine globale Eindämmung der Pandemie haben sich verbessert und auch Mutanten scheinen ein nur – zumal bei zunehmenden Impfungen – stark reduziertes Risiko erneuter Rückschläge zu bergen. Ansonsten sind andere, insbesondere außenwirtschaftliche Risiken eher am Abklingen. Der Brexit ist vollzogen und die Handelsbeziehungen pendeln sich hier bereits ein. USA und China haben nach dem Regierungswechsel in den USA neue Handelsgespräche aufgenommen und teilweise wurden bereits Strafzölle ausgesetzt.

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Vollständige Darstellung aller makroökonomischen Aggregate (PDF)

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Autoren

Jörg Hinze
Prof. Dr. Henning Vöpel