Konjunktur

Aktuelle HWWI-Konjunkturprognose

01.09.2021 | Pressemitteilung | von Jörg Hinze
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Verhaltene Erholung der deutschen Wirtschaft

- Infektionswellen und Materialengpässe bremsen Erholungsprozess

- Inflation nach vorübergehender Beschleunigung 2022 wieder bei 2 %

(Hamburg, 1. September 2021) Das Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) aktualisiert angesichts neuer, teils revidierter Daten des Statistischen Bundesamts seine Prognose der Wirtschaftsentwicklung in Deutschland. Dank der Impffortschritte und der damit einhergehenden Lockerungen ist die deutsche Wirtschaft seit dem Frühjahr wieder auf Erholungskurs, doch wird dieser durch neuerlich steigende Infektionszahlen und Materialengpässe gebremst. Nach dem Einbruch der Wirtschaftsleistung im vergangenen Jahr um 4,6 %, ist für 2021 nun mit einem Wachstum von 2 ½ % und für 2022 mit einem von 3 ½ % zu rechnen. Damit wird das Vor-Corona-Niveau von Ende 2019 erst wieder im Laufe von 2022 erreicht. Die Inflationsrate für die Verbraucherpreise ist dieses Jahres infolge von Basis- und Sonderfaktoren zwar merklich gestiegen. Da diese Einflüsse im nächsten Jahr aber wieder wegfallen bzw. sich merklich abschwächen, ist damit, solange dies nicht zu übermäßigen Lohnsteigerungen führt, kein nachhaltiges Inflationsproblem verbunden. Auch am Arbeitsmarkt zeichnet sich eine Besserung ab.

Im Detail

Im vergangenen Winterhalbjahr hatten eine zweite und eine dritte Corona-Welle die Wirtschaftstätigkeit in Deutschland nochmals gedämpft. Dank rückläufiger Infektionszahlen im Gefolge der Impfortschritte und des wärmeren Wetters ist die deutsche Wirtschaft im Sommer auf Erholungskurs zurückgekehrt. Im Vergleich zum 4. Quartal 2019 vor Ausbruch der Pandemie war das preis- und saisonbereinigte Bruttoinlandsprodukt nach dem 2. Quartal dieses Jahres aber immer noch um mehr als 3 % niedriger. Vor allem konnten sich die während der vorangegangenen Lockdowns besonders betroffenen Wirtschaftsbereiche, wie Handel, Gastronomie, körperbezogene Dienstleistungen oder Tourismus, erholen. Ins Stocken geraten sind allerdings wegen gestörter Logistikketten und Materialmangels die Industrieproduktion und die Bautätigkeit.

Kräftig gestiegen sind seit Jahresbeginn die Preise, insbesondere auf den Vorstufen. Aber auch die Anstiegsrate der Verbraucherpreise hat sich deutlich über die 2-Prozent-Stabilitätsmarke erhöht, zuletzt auf fast 4 %. Allerdings waren hierfür auch Sonderfaktoren verantwortlich, wie die Wiederanhebung der im zweiten Halbjahr 2020 reduzierten Mehrwertsteuer, die Anfang dieses Jahres neu eingeführte CO2-Abgabe sowie die im Vorjahrsvergleich stark erhöhten Energiepreise, die zu Pandemiebeginn im Frühjahr 2020 stark gesunken waren. Ohne Energiepreise läge die Inflationsrate aktuell bei knapp 3 %. Aber auch Sonderentwicklungen auf bestimmten Warenmärkten haben in letzter Zeit zum Preisauftrieb beigetragen.

Auch wenn wieder ansteigende Infektionszahlen eine vierte Welle signalisieren, haben sich mit Fortschreiten des Impfprozesses die Aussichten auf eine Beherrschung der Pandemie verbessert. Zwar könnte es wieder einzelne Einschränkungen geben, ein erneuter pauschaler Lockdown scheint jedoch wenig wahrscheinlich. So ist insbesondere für die in den früheren Lockdowns am stärksten betroffenen Wirtschaftsbereiche kaum mehr mit generellen Einschränkungen zu rechnen. Damit scheinen die Rahmenbedingungen besser als etwa vor Jahresfrist. Auch sollten sich die Lieferengpässe in der Industrie und Bauwirtschaft nach und nach entspannen. Zudem dürften die privaten Haushalte ihre Kaufzurückhaltung während der Lockdowns – die Sparquote war stark angestiegen – allmählich lockern, wie auch die Unternehmen unterlassene Investitionen nachholen. Die Auslandsnachfrage hat bereits angezogen und wird in diesem Jahr wieder einen Wachstumsbeitrag leisten. Alles in allem ist mit einer Fortsetzung der Erholung der deutschen Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte 2021 zu rechnen. Im Jahresdurchschnitt 2021 dürfte das reale Bruttoinlandsprodukt um 2 ½ % zunehmen. Die Beschäftigung wird dabei wieder ausgeweitet, wobei zunächst vor alle noch Kurzarbeit abgebaut wird. Die Inflationsrate dürfte sich bis zum Jahrsende etwa auf dem aktuellen Niveau von etwas unterhalb von 4 % halten.

Bei der hier unterstellten Pandemieentwicklung – fortschreitender Impfprozess und kein neuerlicher Lockdown – sollte sich der Erholungsprozess über das laufende Jahr hinaus 2022 fortsetzen. Das Konsumverhalten der privaten Haushalte dürfte sich weiter normalisieren. Ähnlich werden auch die Unternehmen ihre Investitionsneigung wieder erhöhen. Auch die Weltwirtschaft und damit die Auslandsnachfrage werden sich weiter stabilisieren und die Exporte deutlich zunehmen. Der Erholungsprozess hierzulande wird aber auch die Importe spürbar steigen lassen, sodass die Wachstumsimpulse von außen insgesamt recht gering sein werden. Die öffentlichen Haushalte werden voraussichtlich nun wieder konsolidiert werden. Zum größten Teil wird dies schon dadurch erfolgen, dass die in Pandemiezeiten umfangreichen finanziellen Hilfen nach und nach wieder wegfallen. Davon werden wohl auch die öffentlichen Investitionen betroffen sein, vor allem auf kommunaler Ebene. Der Aufholprozess wird im Laufe des nächsten Jahres mit Erreichen des Vor-Corona-Niveaus an Dynamik nachlassen und Richtung Potenzialpfad einschwenken. Im Jahresdurchschnitt 2022 wird dann das Wirtschaftswachstum – allerdings auch noch dank eines erheblichen Überhangs aus dem Jahr 2021 von etwa 2 ½ % – 3 ½ % betragen. Die Beschäftigungslage wird sich bei dieser Entwicklung ebenfalls weiter verbessern und die Zahl der Arbeitslosen merklich zurückgehen, aber beide wohl noch nicht ganz wieder die Niveaus vor Pandemieausbruch erreichen. Der Anstieg der Verbraucherpreise wird im nächsten Jahr wegen der dann wieder wegfallenden Basiseffekte nachlassen; die Inflationsrate dürfte nach der Jahresmitte 2022 unterhalb die 2-Prozent-Marke fallen.

Die Risiken für Pandemie bedingte Rückschläge, insbesondere generelle Lockdowns, haben sich reduziert; das gilt auch global. Die Bildung neuer resistenter Mutanten ist jedoch nicht auszuschließen. Offen ist auch, wie lange noch die Verzögerungen durch die Pandemie im internationalen Lieferverkehr, die den Erholungsprozess beeinträchtigen, anhalten. Bisherige außenwirtschaftliche Risiken, wie durch den Brexit oder den Handelskonflikt zwischen den USA und China, sind in letzter Zeit zwar abgeklungen. Die Entwicklung in Afghanistan könnte sich allerdings nicht nur auf die politischen, sondern auch auf die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den drei Großmächten und damit auch auf die übrige Welt auswirken.

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Vollständige Darstellung aller makroökonomischen Aggregate (PDF)

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Autoren

Jörg Hinze