HWWI Insights 06 2014

Editorial


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Unser heutiger Wohlstand beruht ganz wesentlich auf der Möglichkeit, Güter zu transportieren und Menschen zu befördern. Bestünde diese Möglichkeit nicht, könnten Volkswirtschaften nicht miteinander handeln, wäre Arbeitsteilung und damit Spezialisierung undenkbar und technischer Fortschritt könnte sich nicht verbreiten. Gerade für eine exportorientierte und mittelstandsgeprägte Volkswirtschaft wie Deutschland und eine wachsende und offene Stadt wie Hamburg ist Mobilität eine zentrale Voraussetzung für Wachstum und Wohlstand. Nur eine mobile Gesellschaft kann die Chancen der Globalisierung nutzen.Zentrale Voraussetzung für Mobilität ist die Verkehrsinfrastruktur. Sie entscheidet darüber, wie schnell, wie oft und wie zuverlässig Personen und Güter von einem Ort zu einem anderen gebracht werden können. Räumliche Distanzen sind geografisch gegeben, Erreichbarkeit aber wird erst durch eine entsprechende Infrastruktur geschaffen. Diese lässt sich jedoch nicht über Nacht verändern und modernisieren. Investitionen in die Infrastruktur sind nicht nur teuer, sondern oft auch politisch schwierig durchzusetzen. Da die Erträge der Investitionen oft weit in der Zukunft liegen, sind die Verlockungen für die Politik groß, vorhandene Straßen, Brücken und Verkehrswege zu nutzen, ohne stetig in sie zu investieren. Irgendwann aber ist der Substanzverlust zu groß, wird die Investitionslücke offenkundig. In Deutschland ist „irgendwann“ heute. Die Investitionslücke beträgt nach einschlägigen Berechnungen mehr als sieben Milliarden Euro pro Jahr – für den bloßen Erhalt wohlgemerkt, nicht für einen Ausbau der Verkehrsinfrastruktur. Immer häufiger wird nun über „Schlagloch-Soli“ und Sonderinvestitionsprogramme diskutiert, um die Finanzierungslücke zu schließen. Ad-hoc-Programme aber können schnell zu Kapazitätsengpässen in der Bauwirtschaft führen, Baupreise steigen lassen, private Investitionen verdrängen und langfristig zum Aufbau von Überkapazitäten führen. Die Politik ist gut beraten, Infrastruktur als eine strukturelle und permanente Aufgabe zu begreifen. Infrastrukturpolitik ist nachhaltige Standortpolitik. Umso wichtiger ist es, zukünftige Entwicklungen der Mobilitätsnachfrage und des Mobilitätsverhaltens in heutige Planungen und Investitionsentscheidungen einfließen zu lassen. Zwei der wichtigsten Einflussfaktoren sind der demografische Wandel und der Klimawandel. Eine alternde und schrumpfende Bevölkerung in Deutschland bei gleichzeitiger Urbanisierung erfordert andere Verkehrssysteme, insbesondere in wachsenden Städten, aber auch im immer dünner besiedelten ländlichen Raum. Ältere Menschen wollen mobil bleiben, bei jüngeren nimmt die Bedeutung des eigenen Autos ab. Aktuelle Entwicklungen wie Carsharing und komplementäre Verkehrssysteme zeugen bereits von diesen Trends. Der zweite große Einflussfaktor neben der Demografie ist der Klimawandel und die damit verbundene Frage nach nachhaltigen Antriebstechnologien und -energien. In den Schwellenländern wächst die Mobilitätsnachfrage rasant. Allein für China ergibt sich – sollte die Kfz-Dichte von derzeit 50 auf rund 700 Kfz pro Tausend Einwohner wie in Deutschland steigen – ein  rechnerisches Potenzial von fast einer Milliarde neuer Kraftfahrzeuge. Werden diese mit konventionellen Kraftstoffen betrieben, wird es unmöglich sein, selbst wenig ambitionierte Klimaziele zu erreichen. Damit die globale Energiewende gelingt, werden technologische Innovationen im Verkehrssektor an Bedeutung gewinnen. Damit eröffnen sich für die deutsche Automobilwirtschaft vielfältige Chancen für neue Absatz- und Leitmärkte. Mobilität unterliegt gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen und demografischen Einflüssen und ist somit einem stetigen Wandel der Anforderungen unterworfen. Wie wird die Zukunft der Mobilität aussehen? Wie können, wollen und werden heutige und zukünftige Generationen mit Mobilität umgehen? Das HWWI wird sich künftig verstärkt diesen Fragen widmen. In vielen für das Thema Mobilität relevanten Feldern wie Handel und Logistik, Energie und Umwelt, Demografie und Arbeitsmarkt sowie Stadtentwicklung und Regionalökonomie besteht Expertise. Wir werden unsere Kompetenzen nutzen, um ein Zukunftsbild einer mobilen Gesellschaft im 21. Jahrhundert zu entwerfen und Lösungen für eine nachhaltige Mobilität zu entwickeln. Dabei streben wir einen engen und verantwortungsvollen Dialog mit Wirtschaft, Politik und Gesellschaft an, zu dem wir Sie – verehrte Leserinnen und Leser – herzlich einladen möchten. Das vorliegende Magazin stellt den Auftakt für unsere Initiative dar. Wir wünschen Ihnen bei der Lektüre neue Einsichten und spannende Impulse.

PD Dr. Christian Growitsch
Direktor und Sprecher der Geschäftsführung

Prof. Dr. Henning Vöpel
Direktor und Mitglied der Geschäftsführung