Weitere Themen

Zwischenruf: Zur Reform des Profifußballs

04.08.2020 | HWWI Standpunkt | von Jörn Quitzau, Henning Vöpel
© B&E

Zahlreiche Rufe nach tiefgreifenden Reformen im Profifußball sind unter dem Eindruck der Corona-Krise laut geworden. Die Bereitschaft für Reformen scheint angesichts der zum Teil existenzbedrohenden Krise im deutschen Fußball aktuell hoch zu sein. Die DFL beabsichtigt, eine Taskforce „Zukunft Profifußball“ einzurichten.

Typischerweise ist das Verlangen nach Veränderung in Notlagen besonders stark ausgeprägt. Doch nicht alles, was in der Not vielversprechend und realistisch erscheint, ist auch zielführend. Deshalb ist es zwar wichtig, das Momentum der Krise für Denkanstöße zu nutzen, aber die Besonderheiten des Fußballsports und die daraus resultierende Fehlentwicklungen dennoch nüchtern und ohne Zeitdruck zu analysieren. Letztlich geht es darum, auch neben dem Platz die richtigen Spielregeln für einen fairen, aber nicht ruinösen Wettbewerb zwischen den Klubs zu finden. Da die Klubs aller nationalen Ligen in Europa miteinander im Wettbewerb stehen, sind idealerweise europäische Lösungen anzustreben.

Absicherung gegen Systemkrise
Die Corona-Pandemie hat den Profifußball auf dem falschen Fuß erwischt. Anders als während der globalen Finanzkrise 2008/2009 – als der Fußball die Wirtschaftskrise nahezu unbeschadet überstanden hat – gehört der Fußball diesmal zu den besonders stark betroffenen Branchen. Aufgrund der mit der Zwangspause und den Geisterspielen verbundenen Einnahmeausfälle haben Spieler auf Teile ihrer Gehälter verzichtet und damit einen Teil der finanziellen Einbußen ihrer Arbeitgeber abgefedert. Einige Klubs waren oder sind dennoch in großen Schwierigkeiten. Der FC Schalke hat für einen Kredit eine Landesbürgschaft beantragen müssen und diese inzwischen auch zugesagt bekommen. Der Vorschlag, die 50+1-Regel aufzuweichen oder abzuschaffen und dadurch die Klubs für Investoren zu öffnen, ist kritisch zu sehen. Erstens sind in einer Notsituation wohl kaum angemessene Preise für die Anteile zu erzielen und zweitens würden damit die finanziellen Anreizstrukturen inkl. Investitionswettläufen im Profifußball verfestigt.  

Um künftige Einnahmeausfälle besser abfedern zu können, wären höhere Eigenkapitalpolster der Klubs wünschenswert und gegen eine erneute Systemkrise könnte ein kapitalgedeckter Sicherungsfonds aufgelegt werden – idealerweise gespeist aus einem Teil der TV-Gelder. Eine solche Lösung würde nicht nur den Profifußball krisenfester machen, sondern würde auch zu etwas mehr Bodenhaftung führen: Durch einen Sicherungsfonds würde ein Teil des Geldes dem Geldkreislauf entzogen, was mäßigend auf den Anstieg der Spielergehälter wirkt. Zudem könnten etwaige Erträge aus der Anlage des Fondsvermögens für soziale Zwecke zur Verfügung gestellt werden – gegebenenfalls für Projekte mit Fußballbezug. Die Liga würde damit die Produktion eines kollektiven Gutes stärken: nämlich das positive Image der Liga.

Investitionswettlauf
Zu den unveränderlichen Eigenschaften des Wettkampfsports gehört das Streben nach größtmöglichem sportlichem Erfolg. Im Ligasport führt dies zu einem Positions- bzw. Verdrängungswettbewerb zwischen den Klubs. Daran lässt sich nichts ändern und daran sollte auch nichts geändert werden. Denn letztlich geht es im Sport darum, die beste bzw. erfolgreichste Mannschaft zu ermitteln. Da der Wettbewerb um die besten Tabellenplätze ein konstitutives Merkmal des Ligasports ist, werden die Klubs immer versuchen, sich durch Investitionen in die Qualität des Spielerkaders zu verbessern. Allerdings verstärkt die finanzielle Anreizstruktur den Investitionswettlauf, was in den vergangenen Jahren zu einem regelrechten „Wettrüsten“ geführt hat (in der Sportökonomie als „Rattenrennen“ bekannt).  Die platzierungsabhängige Verteilung der Fernsehgelder und vor allem die Einnahmesprünge bei Erreichen von Europa League oder Champions League verstärken die Anreize für aggressive Investitionswettläufe massiv. Ähnliche Erlösstrukturen gibt es bei Auf- und Abstieg zwischen der ersten und zweiten Liga. In diesen Tabellenregionen können sich Vereine kaum konsolidieren, was den Anreiz verstärkt, stattdessen noch stärker ins Risiko zu gehen. Wirksame Reformen müssten deshalb auch bei der Erlösverteilung ansetzen.

Ausgeglichenheit der Liga
Die Ungewissheit über den Ausgang eines einzelnen Spiels oder der Saison insgesamt tragen wesentlich zur Attraktivität des Fußballs bei. In den letzten Jahren hat die Spannung in der Bundesliga zumindest in der Spitze deutlich abgenommen. Die letzten acht Spielzeiten endeten allesamt mit dem FC Bayern München als Deutschem Meister – häufig war die Saison bereits lange vor Saisonende vorzeitig entschieden. Wie lange die Dominanz eines Vereines anhalten kann, ohne dass die Zuschauer das Interesse verlieren, ist eine offene Frage. Gemäß dem sogenannten Louis-Schmeling-Paradoxon müssen Sportler (oder eben Fußball-Mannschaften) ein Interesse daran haben, möglichst ebenbürtige Gegner zu haben, sodass der Sieg oder die Meisterschaft hart umkämpft ist. Auf Dauer lassen sich die Massen nicht elektrisieren, wenn der Gewinner faktisch schon vorher feststeht. Deshalb müssten auch die Spitzenklubs ein Eigeninteresse daran haben, sportlich nicht allzu dominant zu sein. Sie werden sich jedoch kaum selbst beschränken, zumal sie in internationalem Wettbewerb stehen.

Eine theoretische Möglichkeit wäre, die besten Klubs aus ihren nationalen Ligen herauszulösen und in einer geschlossenen Europaliga antreten zu lassen. Damit würde jedoch die Fußballfamilie gespalten, die über Auf- und Abstieg sowie Qualifikationsregelungen für die europäischen Wettbewerbe miteinander verbunden ist. Eine solche Europaliga wäre auch nicht im Interesse der Fußballfans, deren Fokus noch immer stark auf die nationalen Ligen gerichtet ist.

Reformansätze
Reformen, die dem Fußball wieder zu mehr „Bodenhaftung“ verhelfen und gleichzeitig das finanzielle Wettrüsten bremsen sollen, müssten den Sport wieder stärker in den Mittelpunkt stellen. Die sportliche Spannung ließe sich steigern, wenn die Akkumulation der Starspieler bei wenigen europäischen Spitzenklubs verhindert wird. Dafür müssten Rahmenbedingungen so verändert werden, dass die sich selbst verstärkende Wechselwirkung aus sportlichem Erfolg und steigender Finanzkraft durchbrochen wird.  

Finanzregulierung. Nach dem freiwilligen Gehaltsverzicht vieler Spieler ist das Thema „Salary Cap“ (Gehaltsobergrenze) in aller Munde. Mit einem Salary Cap ließen sich die Ausgaben der Klubs reduzieren und für die finanzkräftigsten Klubs würde die Möglichkeit, Spieler mit sehr hohen Gehältern zu sich zu locken, deutlich eingeschränkt – so lautet zumindest die Hoffnung der Befürworter eines Salary Caps. In der Praxis dürfte das Instrument jedoch weit weniger griffig sein als in der Theorie. Finanzregulierungen lassen sich oft trickreich umgehen. So wäre im Falle des Salary Caps damit zu rechnen, dass Spieler ersatzweise mit lukrativen Werbeverträgen ausgestattet werden. Auf diese Weise könnten sie Einnahmen erzielen, die über die Gehaltsobergrenze hinausgehen. Ein denkbarer Kompromiss könnte eine „Luxussteuer“ sein, bei der ein Schwellenwert für Gehaltszahlungen festgelegt wird. Überschreiten die Gehaltszahlungen eines Klubs diesen Schwellenwert, muss der Klub eine (progressive) „Steuer“ an die Liga abführen. Die Liga könnte die Einnahmen aus dieser Luxussteuer an finanzschwächere Vereine ausschütten oder den gemeinsamen Sicherungsfonds daraus speisen.  

Das jüngste CAS-Urteil, mit dem die zweijährige Europacup-Sperre für Manchester City wegen Verstößen gegen das Financial Fairplay-Reglement aufgehoben wurde, hat einmal mehr gezeigt, wie schwer es ist, prinzipiell sinnvolle Finanzregeln konsequent anzuwenden und durchzusetzen. Finanzregulierungen sind aber nur dann effektiv, wenn sie nicht nur de jure, sondern auch de facto die beabsichtigte Wirkung erzielen.

K.O.-System stärken. Der Spielmodus der Europa und Champions League mit einer Gruppenphase zu Beginn des Wettbewerbs hat für die teilnehmenden Klubs den Vorteil einer größeren finanziellen Planbarkeit. Für die Stabilität der nationalen Ligen sind die Gruppenphasen jedoch kontraproduktiv. Die teilnehmenden Klubs haben mindestens sechs Spiele, die zu entsprechend hohen Erlösen führen. Dadurch werden sie finanziell in die Lage versetzt, ihren Spielerkader nicht nur qualitativ, sondern auch quantitativ zu verstärken. Für die gestiegene Anzahl von Pflichtspielen ist ein größerer Spielerkader nötig, um bei verletzungsbedingten Ausfällen handlungsfähig zu sein oder um die körperliche Mehrbelastung der einzelnen Spieler von vornherein zu begrenzen. Für die Teilnehmer an den europäischen Wettbewerben besteht deshalb ein großer Anreiz, möglichst viele qualitativ gute Spieler zu „horten“, auch wenn immer nur 11 Spieler auf dem Platz stehen können.

Eine Abkehr von der Gruppenphase und eine Rückkehr zum K.O.-System (mit Hin- und Rückspiel) von Beginn an hätte mehrere Vorteile: Für den Zuschauer sind K.O.-Spiele interessanter, weil es um „Alles oder Nichts“ geht. Zudem stehen bei nur zwei Spielen die Chancen für den sportlichen Außenseiter besser, sich für die nächste Runde zu qualifizieren. Der Faktor Zufall würde wieder bedeutsamer. Damit stiege aber auch das Risiko für jeden Klub, bereits nach der ersten Runde ausgeschieden zu sein. Somit verändert sich die Anreizstruktur für die Teilnehmer der europäischen Wettbewerbe. Da die garantierten bzw. zu erwartenden Einnahmen im Vergleich zur heutigen Situation wesentlich geringer wären, würde der Anreiz sinken, Spieler quasi „auf Vorrat“ zu kaufen. Das K.O.-System ist eine Bremse für die Akkumulation von Spielerqualität und Konzentration von Marktmacht. Gute Spieler würden dadurch wieder gleichmäßiger auf alle Klubs verteilt.

Spielerkader begrenzen. Ein effektives Mittel gegen die Hortung von Starspielern wäre die satzungsmäßige Begrenzung des Spielerkaders. Die finanzkräftigen Spitzenklubs hätten dann nur noch bis zu einer bestimmten Grenze die Möglichkeit, die besten Spieler zu kaufen, selbst wenn diese nur auf der Ersatzbank oder auf der Tribüne sitzen. Die Grenzproduktivität des Kapitals würde sinken, zusätzliche Finanzspritzen externer Geldgeber könnten nicht für weitere Spielerkäufe genutzt werden. Für andere Klubs würden mehr qualitativ hochwertige Spieler übrig bleiben. Auch eine Begrenzung der Transfers in einer Saison könnte erwogen werden, was die Reallokation guter Spieler zu guten Vereinen bremsen würde.

Gleichwohl müsste differenziert werden zwischen Klubs, die an den europäischen Wettbewerben teilnehmen, und solchen, die sich nicht qualifiziert haben. Wegen der voraussichtlich höheren Belastung der Spieler müssten die im internationalen Wettbewerb vertreten Klubs einen etwas größeren Spielerkader haben dürfen.

Auch wenn die Begrenzung des Spielerkaders ebenfalls umgangen werden kann, sind die Hürden im Vergleich zur Finanzregulierung deutlich höher.

Ausblick
Unsere Vorschläge sind auf das System Fußball insgesamt ausgerichtet. Sie sollen einen Beitrag leisten, die Ligen stabiler und idealerweise wieder spannender zu machen. Für die internationalen Top-Klubs würden die Vorschläge allerdings weniger Planungssicherheit und zumindest kurzfristig wohl auch weniger Geld bedeuten. Erheblicher Widerstand wäre deshalb vorprogrammiert, dicke Bretter müssten gebohrt werden. Aber wann, wenn nicht während der wohl größten finanziellen Krise des Fußballs könnten grundlegende Reformen möglich sein? Zumal die Corona-Krise eindrucksvoll gezeigt hat, dass der Fußball ein Gemeinschaftsprodukt ist, bei dem sich niemand nur auf seine eigene Stärke verlassen kann. Ein besserer Regulierungsrahmen für den Fußball kann letztlich die Vereine selbst durch eine entsprechende Governance in die Lage versetzen und die internen Anreize stärken, nachhaltiger zu wirtschaften.   

Der Fußball hat in den vergangenen Jahren große Fortschritte bei der Professionalisierung und Kommerzialisierung gemacht. So erfreulich dieser Befund ist, so bedauerlich ist es, dass der Blick teilweise stark verengt wurde auf die schlichte Maximierung von Erlösen und Gewinnen. Nach marktwirtschaftlichen Kriterien zu wirtschaften bedeutet nämlich nicht, einfach nur Erlöse oder Gewinne der Klubs und Verbände zu maximieren. Die Marktwirtschaft ist das Ordnungsprinzip, bei dem es darum geht, das bestmögliche Ergebnis für alle Beteiligten zu erzielen. Dabei sind alle Stakeholder zu berücksichtigen, ausdrücklich also auch die Interessen der Fans. In einer Marktwirtschaft entscheiden die Präferenzen der Verbraucher maßgeblich über die Wirtschaftsstruktur. Genauso sollten im Fußball die Präferenzen der Fans eine wichtige Rolle spielen. Künstlich aufgeblasene oder neu geschaffene Wettbewerbe, die erkennbar nur finanziellen Interessen dienen, gehören auf den Prüfstand.

Dabei sollten sich die Verantwortlichen ihrer Rolle als Monopolist bewusst sein. Monopolist zu sein ist zwar durchaus komfortabel, aber es erfordert auch besonderen Weitblick und besondere Verantwortung. Denn mangels Konkurrenz können die Konsumenten – also die Fans – nicht zu einem anderen Anbieter wechseln, wenn ihnen die Entwicklung im Fußball nicht mehr gefällt. Den Funktionären fehlt also die spürbare Rückmeldung, mit der sich Fehlentwicklungen bereits in einem Frühstadium korrigieren ließen. Die Probleme können sich in so einem Umfeld lange unbemerkt aufstauen. Damit steigt aber das Risiko für eine große Bereinigungskrise.

Autoren

Prof. Dr. Henning Vöpel