Arbeit, Demografie, Städtische Räume

Selbstständige Migranten in Hamburg

04.03.2010 | HWWI Update | von Ann-Julia Schaland, Andreia Tolciu

Während Zuwanderer in Hamburg bis Mitte der 1970-er Jahre fast ausnahmslos abhängig beschäftigt waren, wird das Gründungsgeschehen von Unternehmen in der Stadt heute maßgeblich durch Migranten geprägt. Bisher ist jedoch wenig über die Herkunft, sektorale Ausrichtung sowie Gründungsmotive der Selbstständigen bekannt. Vor diesem Hintergrund hat ein Forscherteam am HWWI eine Studie über die Migrantenökonomie in Hamburg erarbeitet.

Die Studie stellt zunächst Zahlen und Fakten über selbstständige Migranten in Hamburg vor. Der inhaltliche Schwerpunkt der Untersuchung liegt jedoch auf Migrantenunternehmern türkischer Herkunft, deren Gründungsmuster mittels qualitativer Interviews analysiert werden. Im besonderen Fokus stehen dabei türkischstämmige Akademiker, die sich in wissensintensiven Dienstleistungsbranchen als Rechtsanwälte, Ärzte, Steuer- oder Unternehmensberater selbstständig gemacht haben. Die Ergebnisse der Studie werden im Rahmen der EU-Exzellenzinitiative „Sustainable Development in a Diverse World“ mit Wissenschaftlern verschiedener europäischer Länder und den USA diskutiert.

Die Auswertung von Mikrozensusdaten zeigt, dass in Hamburg fast 15 000 Personen ausländischer Herkunft selbstständig sind. Rechnet man Deutsche mit zumindest einem zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil dazu, sind es mehr als 21 300. Damit besitzen 18 % aller Selbstständigen in Hamburg einen Migrationshintergrund (vgl. Mikrozensus 2006. Hinweis: Bedingt durch die geringe Anzahl von Fällen im Mikrozensus sind diese Daten unter Vorbehalt zu verwenden). Wie in der Abbildung ersichtlich, stammt der größte Anteil der ausländischen Unternehmer aus der Türkei und Polen, gefolgt von Griechenland, Iran und Italien. Bezieht man die Gruppe der eingebürgerten Selbständigen mit ein, stellen türkischstämmige Migranten in absoluten Zahlen die größte Gruppe dar.

Der Vergleich der Mikrozensusdaten von 2006 mit Daten aus dem Gewerbezent ralregister von 2003 hat ergeben, dass vor allem der Anteil polnischer Selbstständiger – bedingt durch den EU-Beitritt Polens im Jahr 2004 – von 3 % auf 15 % zugenommen hat. Auffällig ist auch die hohe Anzahl iranischer Unternehmer. Dies ist einerseits dadurch zu erklären, dass Zuwanderer aus dem Gebiet des Irans die sechstgrößte Migrantengruppe in Hamburg darstellen. Andererseits war der Hamburger Hafen in den 1960-er und 1970-er Jahren internatio-naler Umschlagsplatz für die boomende iranische Teppichproduktion, so dass sich viele iranische Teppichhändler am Standort Hamburg niedergelassen haben. Eine weitere Besonderheit Hamburgs ist die größte portugiesische Gemeinde Deutschlands, die sich vor allem im Gaststättengewerbe selbstständig gemacht hat.

Die Auswertung der sektoralen Ausrichtung aller Migrantenunternehmer zeigt, dass ausländische und eingebürgerte Zuwanderer sich vor allem in Branchen selbstständig machen, in denen niedrige Marktzutrittsbarrieren bestehen. So sind – neben der Gastronomie – viele Migranten im Groß- und Einzelhandel vertreten. Dafür gründen sie jedoch im Vergleich zu Deutschen ohne Migrationshintergrund weniger im produzierenden Gewerbe. Außerdem sind sie auch seltener im Handwerk anzutreffen, was unter anderem auf die erschwerte Anerkennung von im Ausland erworbenen Qualifikationen (zum Beispiel Meisterbrief) zurückzuführen ist. Die Analyse sozio-demografischer Merkmale der Migranten hat zudem ergeben, dass ausländische Selbstständige vornehmlich männlich (76 %) und jung sind. So gründen 37 % in einem Alter zwischen 25 und 34 Jahren, während es bei der deutschen Vergleichsgruppe ohne Zuwanderungshintergrund nur 15 % sind (vgl. Mikrozensus 2006).

Die Analyse von 58 qualitativen Interviews mit türkischstämmigen Selbstständigen in Hamburg hat gezeigt, dass Gründer der ersten Migrantengeneration, die ihre Unternehmen in den 1970-er Jahren eröffneten, primär in Branchen gründeten, die ein relativ niedriges Qualifikationsniveau erforderten, wie beispielsweise dem Lebensmitteleinzelhandel oder der Gastronomie. Zu dieser Zeit existierte vor allem unter den türkischen Zuwanderern ein großer Bedarf nach heimischen Waren und Dienstleistungen, die in Deutschland nicht erhältlich waren. Diese Marktlücke wurde von Unternehmern gleicher Herkunft erkannt und besetzt.

Die Migrantenökonomie der zweiten und dritten Generation differenziert sich hingegen zunehmend aus. Gründungen in wissensintensiven Branchen, die einen tertiären Bildungsabschluss oder besondere fachliche Qualifikationen erfordern, nehmen deutlich zu. So liegt die Selbstständigenquote türkischer Akademiker der zweiten Generation bereits über der deutschen Vergleichsgruppe ohne Migrationshintergrund (25 % gegenüber 18 %). Türkischstämmige Akademiker der zweiten Migrantengeneration profitieren dabei von der Nachfrage ihrer Landsleute, die teilweise selber Unternehmer sind und zum Beispiel Rechts- und Steuerberatung in türkischer Sprache nachfragen. Auch im Bereich des Gesundheitswesens eröffnen sich Marktnischen für türkischstämmige Ärzte und Pflegedienstleister, die ihre Leistungen mehrsprachig und kultursensibel anbieten können. Vor diesem Hintergrund kann man feststellen, dass sich heutzutage die ehemaligen Nischenbranchen der 1970-er Jahre (Lebensmitteleinzelhandel, einfache Dienstleistungen) zunehmend in den Bereich wissensintensiver Dienstleistungen entwickelt haben.

Die empirische Untersuchung hat zudem gezeigt, dass die Einbettung in co-ethnische Netzwerke eine untergeordnete Rolle für die Erklärung der Selbstständigkeit spielt. Während in der Ethnic-Business-Forschung davon ausgegangen wird, dass Migranten durch die Einbettung in co-ethnische Netzwerke Vorteile für die Selbstständigkeit besitzen (zum Beispiel unentgeltliche Mitarbeit von Familienangehörigen), hat die Auswertung der Interviews ergeben, dass die befragten Unternehmer nur selten im Gründungsprozess Hilfe von ihren Familien-angehörigen oder Freunden erhalten haben. Folglich wird die Bedeutung von co-ethnischen Unterstützungsnetzwerken in der Forschung als Gunstfaktor für die Entscheidung zur Selbstständigkeit überschätzt. Vielmehr spielen fehlende Beschäftigungsalternativen – besonders für niedrig qualifizierte Migranten – oder die Erkennung einer Marktlücke – im Falle der hochqualifizierten Migranten – eine zentrale Rolle für die Erklärung der Entscheidung zur Selbstständigkeit.

Laut Gründerreport des Industrie- und Handelskammertages wird die Zahl der Selbstständigen in Deutschland – demografisch bedingt – bis zum Jahr 2050 um mehr als eine halbe Million sinken. Eine Chance, das Gründungsgeschehen in Deutschland zukünftig zu sichern, sehen Experten in Unternehmensgründungen durch Migranten, da die Gründungsquote von Personen mit Migrationshintergrund schon heute über der von Deutschen ohne Zuwanderungsgeschichte liegt. Auch in Hamburg haben Politiker und Stadtplaner bereits das Potenzial von Migranten beispielsweise für die Schaffung von Arbeits- und Ausbildungsplätzen sowie die Sicherung von Versorgungsdienstleistungen in benachteiligten Stadtteilen erkannt und eine umfassende auf Migranten spezialisierte Gründungsförderung etabliert. Aus der Auswertung der Interviews mit Migranten wurde allerdings deutlich, dass nur wenige der befragten Selbstständigen die Fördermöglichkeiten kennen und wissen, an welche Einrichtung sie sich wenden können. Vor diesem Hintergrund wäre ein regelmäßiger Austausch zwischen den Akteuren in Hamburg empfehlenswert, um die Angebotsstruktur zu vertiefen und transparenter zu gestalten.

LITERATUR

 El-Cherkeh, T., Schaland, A., Tolciu, A. (2010): Migrant Entrepreneurship in Hamburg: Results from a Qualitative Study with Turkish Entrepreneurs, HWWI Research Paper, 3-22.

 HWWI Dossier „Migration und Unternehmertum“