Branchen und Wirtschaftszweige

Akutkliniken: Investitionen, Finanzierung und Trägerschaft

20.01.2012 | HWWI Update | von Henning Vöpel

Der Krankenhaussektor in Deutschland steht vor gravierenden Veränderungen. Maßgeblich hierfür sind Faktoren und Entwicklungen, die sowohl die Nachfrage als auch die Angebotsseite stationärer Behandlung betreffen: der medizintechnische Fortschritt, die demografische Alterung und mögliche Regulierungsänderungen durch die Gesundheitspolitik. In der HWWI-Studie „Zukunft von Akutkliniken“, erstellt im Auftrag der HSH Nordbank, wird der künftige Investitionsbedarf für Krankenhäuser bis zum Jahr 2020 abgeschätzt.

Der steigende Kostendruck im Krankenhaussektor dürfte zu angebotsseitigen Anpassungsreaktionen führen. Aus heutiger Perspektive ist zu erwarten, dass sich die Trägerschaft weiter von öffentlichen stärker zu privatwirtschaftlichen Modellen verschieben wird. Ebenso wird es künftig zu einer stärkeren Integration von ambulanter und stationärer Versorgung kommen, insbesondere in ländlichen Regionen, in denen die Koexistenz von ambulanter und stationärer Versorgung bei zurückgehender Auslastung in Zukunft sehr teuer werden kann. Des Weiteren ist aufgrund der Konzentration der Bevölkerung in wachsenden Agglomerationen eine Zentralisierung von Krankenhäusern zu erwarten. Schließlich wird es insbesondere für die nicht-akute stationäre Versorgung eine stärkere Spezialisierung von Krankenhäusern an zentralen Standorten geben.

Der Übergang zu privaten Modellen wird regional zu unterschiedlichen Reaktionen und Anpassungen führen. In den bevölkerungsdynamischen Regionen werden sich zunehmend private Krankenhäuser durchsetzen. In strukturschwachen Regionen dagegen wird der öffentliche Versorgungsauftrag das Angebot an stationärer Versorgung sicherstellen müssen. Der dadurch zu erwartende Anstieg des Finanzierungsdefizits von Krankenhäusern in öffentlicher Trägerschaft ist in Kauf zu nehmen und ist vielmehr Ausdruck von Effizienz. Ein steigendes Finanzierungsdefizit sollte weder ein Argument gegen die Privatisierung von Krankenhäusern sein, noch eines gegen den Weiterbetrieb von öffentlichen Krankenhäusern.

Der künftige Investitionsbedarf leitet sich im Wesentlichen aus drei Faktoren ab: der Fallzahl, der durchschnittlichen Verweildauer und der Bettenauslastung. Diese wiederum werden im Wesentlichen durch die demografische Entwicklung, durch Ausmaß und Richtung des medizintechnischen Fortschritts sowie durch die Regulierung des Gesundheitssystems bestimmt. Insgesamt wird die Bevölkerungszahl in Deutschland zurückgehen und das Durchschnittsalter ansteigen. Die demografische Entwicklung wird regional jedoch sehr unterschiedlich sein, sodass sich keine regional einheitliche Prognose des künftigen Investitionsbedarfs von Akutkliniken ableiten lässt. Im Aggregat dürfte aber aufgrund der Alterung der Bevölkerung von einem leichten Anstieg der stationären Fallzahl ausgegangen werden.

Der medizintechnische Fortschritt kann sowohl Mengen ausweitend als auch Therapie verkürzend wirken. Letzteres kann eine Verschiebung von stationärer hin zu ambulanter Versorgung bewirken, die den Anstieg der stationären Fallzahl dämpft. Nach Projektion von Fallzahl, Verweildauer und Bettenauslastung (siehe Abbildung), dürfte es bis 2020 insgesamt zu einem leichten Rückgang des Bettenbedarfs um 3,8 % gegenüber dem heutigen Stand kommen.


Das Investitionsvolumen im Krankenhaussektor leitet sich einerseits aus dem Bettenbedarf und andererseits aus der öffentlichen Investitionsförderung ab.
Bezüglich der Entwicklung der Investitionsförderung lassen sich zwei Szenarien formulieren: ein Status-quo-Szenario, in dem die Investitionsförderung pro Bett konstant bleibt, und ein Aufholszenario, in dem der aufgebaute Investitionsstau bis 2020 durch eine steigende Investitionsförderung zumindest zu einem Teil wieder abgebaut wird.

Im Status-quo-Szenario werden die Investitionen von jährlich rund 2,86 Mrd. Euro in 2009 aufgrund des geringeren Bettenbedarfs bis 2020 real auf rund 2,70 Mrd. Euro (in Preisen von 2009) sinken. Im Aufholszenario steigen trotz sinkendem Bettenbedarf die Gesamtinvestitionen aufgrund steigender Investitionsförderung pro Bett bis 2020 auf rund 3,35 Mrd. Euro pro Jahr.


Studie

Die Studie „Zukunft von Akutkliniken: Trägerschaft, Finanzierung und Versorgung “ steht als Download zur Verfügung.

Autoren

Prof. Dr. Henning Vöpel