Arbeit, Demografie

Ausländische Ärzte in Deutschland: Brain Waste?

01.12.2008 | HWWI Update | von Tanja El-Cherkeh, Sakura Yamamura

Fachkräftemangel und steigender Bedarf an Hochqualifizierten kennzeichnen die Situation in einigen Sektoren auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Auch im Gesundheitssektor wird seit geraumer Zeit von Ärztemangel gesprochen. Aktuelle Studien führen dies unter anderem auf die Überalterung der Ärzteschaft, die Auswanderung junger Ärzte und den Nachwuchsmangel zurück. Gleichzeitig weisen Experten aufgrund der demografischen Entwicklung auf den wachsenden Bedarf an Gesundheitsdienstleistungen hin.

Die Anwerbung von Fachkräften aus dem Ausland ist ein mögliches Instrument, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. In diesem Zusammenhang wurde durch das neue Zuwanderungsgesetz Studierenden aus dem Ausland die Möglichkeit eröffnet, nach erfolgreichem Abschluss ihres Studiums einen Arbeitsplatz in Deutschland zu suchen. Im Vergleich zu Graduierten aus dem Ausland hat dies den großen Vorteil, dass es keine Schwierigkeiten bei der Anerkennung von im Ausland erworbenen Abschlüssen und Qualifikationen gibt. So sollte man meinen, dass Drittstaatsangehörige, die ihr Medizinstudium in Deutschland beendet haben, eine willkommene Stärkung des Fachkräftepools darstellen. Dem ist jedoch nicht so, denn sie sind mit kaum überwindbaren Barrieren am deutschen Arbeitsmarkt konfrontiert.

Laut Bundesärzteordnung (BÄO) ist die Approbation grundsätzlich Deutschen und EU-Staatsangehörigen vorbehalten. Ärzte aus Drittstaaten, obgleich sie ihr Medizinstudium in Deutschland absolviert haben, können lediglich einen „Antrag auf vorübergehende Erteilung der Berufserlaubnis nach §10 BÄO“ bei der zuständigen Gesundheitsbehörde stellen. Eine Berufserlaubnis ist widerruflich und wird bis zu einer Gesamtdauer von höchstens vier Jahren erteilt. Eine weitere Verlängerung kann im Fall einer ärztlichen Weiterbildung zum Facharzt ermöglicht werden, wenn diese in der oben genannten Frist nicht beendet werden konnte, jedoch darf sie drei Jahre nicht überschreiten. Darüber hinaus ist die Berufserlaubnis örtlich und auf bestimmte Tätigkeiten und Beschäftigungsstellen begrenzt – und schließt damit häufig leitende Positionen aus.

Ausnahmen über die oben beschriebenen maximale sieben Jahre Berufserlaubnis können dann gemacht werden, wenn ein „öffentliches Interesse der ärztlichen Versorgung in der Bevölkerung“ besteht, was trotz des Ärztemangels nur schwer nachzuweisen ist. Darüber hinaus können die Asylberechtigung und die Heirat mit einem(r) Deutschen bzw. EU-Staatsangehörigen zu einer Verlängerung führen.

Nachfragen des HWWI bei Gesundheitsbehörden in unterschiedlichen Bundesländern haben ergeben, dass in der Verwaltungspraxis trotz Möglichkeit einer flexiblen Handhabung die Grundmaßgaben bei der Erteilung von Berufserlaubnissen und deren Verlängerungen strikt Anwendung finden. Dies bedeutet, dass grundsätzlich keine unbefristete oder zeitlich bzw. örtlich uneingeschränkte Berufserlaubnis per se erteilt wird.

Wie viele ausländische Ärzte in dieser Situation sind, ist unklar, da entsprechende Daten nicht erhoben werden. Die Statistiken zu ausländischen Ärzten in Deutschland basieren auf Nationalität und beziehen daher den Qualifizierungsort nicht mit ein. Unabhängig von der Anzahl der betroffenen Ärzte handelt es sich jedoch um ein grundsätzliches Problem. Vor dem Hintergrund der aktuellen Debatten über die Arbeitsmarktintegration von Zuwanderern stellt sich auch hier die Frage, inwiefern das bereits vorhandene Humankapital in Deutschland effektiv genutzt wird. „Jeder dieser Ärzte, die ins Ausland gehen, nimmt ja ein Studium im Wert von 300.000 Euro mit, die der deutsche Steuerzahler bezahlt hat“, so Frank Montgomery, Vizepräsident der Bundesärztekammer und Präsident der Ärztekammer Hamburg. „Jemand, der (als Drittstaatsangehöriger) in Deutschland sechs Jahre studiert hat, der vielleicht sogar vorher eine Zeit lang in Deutschland gelebt hat (oder hier geboren ist), … kriegt eben nur eine eingeschränkte Berufserlaubnis – das halte ich für absolut grotesk, das sollte man ändern“.

So wäre die Erteilung einer unbefristeten Berufserlaubnis, auch wenn sie bei weitem noch nicht einer Approbation entspricht, zumindest ein erster Schritt in Richtung effizienterer Umgang im Hinblick auf den derzeitigen Brain Waste im Gesundheitssektor.

POLITIKBERATUNG der MRG

Prof. Dr. Thomas Straubhaar, Direktor des HWWI, ist seit Oktober 2008 Mitglied des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration (www.svr-migration.de).

Prof. Dr. Rainer Münz, Senior Research Fellow der Migration Research Group (MRG) im HWWI, ist seit Oktober 2008 Mitglied im „Rat der Weisen“ der Europäischen Union.

HWWI DOSSIER

Das HWWI baut zurzeit ein Forschungsschwerpunkt im Bereich „Migration und Gesundheit“ aus. Unsere Literatursammlung zum Thema „Zuwanderungsdebatte in Deutschland“ finden Sie auf unserer Website unter:
www.hwwi.org/Zuwanderungsdebatte.1885.0.html.