Demografie

Das Streben nach dem guten Leben – Zum Zusammenhang von Gesundheit, Lebensalter und Zufriedenheit

22.03.2012 | HWWI Update | von Jana Stöver, Henning Vöpel

Gesundheit ist ein wichtiger Faktor für Zufriedenheit, Glück und Wohlfahrt. Gesund zu sein, ist dabei wichtig per se, aber auch Voraussetzung dafür, bestimmte Tätigkeiten überhaupt ausführen zu können, die zur Zufriedenheit beitragen. Gesundheit verschlechtert sich mit zunehmendem Lebensalter objektiv, die subjektive Lebenszufriedenheit dagegen verbessert sich. Lebenszufriedenheit hängt somit maßgeblich von weiteren Faktoren ab, auch solchen, die ihrerseits von Gesundheit beeinflusst werden oder auf Gesundheit wirken.

Zur Messung von Wohlfahrt gibt es unzählige Indikatoren, die sich in drei unterschiedliche Ansätze einteilen lassen: Eine Reihe von Vorschlägen basiert auf Maßzahlen, die das Bruttoinlandsprodukt (BIP) als Berechnungsbasis nehmen, um dann Korrekturen und Erweiterungen vorzunehmen. Eine zweite Gruppe von Indikatoren lässt sich unter dem Stichwort „synthetische Indikatoren“ zusammenfassen. Als dritte Alternative können die Indikatoren der Zufriedenheits- oder Glücksforschung aufgeführt werden, zum Beispiel das subjektive Wohlbefinden, oder „subjective well-being“ (vgl. Fleubaey, 2009). Diese letzte Gruppe ist für den Gesundheitsbereich besonders interessant.

Häufig werden zur Messung von subjektivem Wohlbefinden zwei Arten von Fragen gestellt. Einerseits werden Individuen gebeten, ihre Lebenszufriedenheit zu beurteilen, beispielsweise anhand von Fragen wie „Wenn Sie Ihr Leben insgesamt betrachten, wie zufrieden sind Sie?“. Andererseits wird nach der erlebten Zufriedenheit zu einem bestimmten Zeitpunkt gefragt. Diese beiden Einschätzungen stimmen nicht immer überein: Während Kinder Menschen in der Eigeneinschätzung generell zufriedener machen, erhöhen sie doch gleichzeitig die Wahrscheinlichkeit, dass sie zu einem bestimmten Zeitpunkt verärgert oder besorgt sind.

Mit der ersten Fragestellung beschäftigt sich auf nationaler Ebene und im internationalen Vergleich unter anderem die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in ihrer „Better Life Initiative“. Sie unterscheidet dabei materielle Bedingungen wie Einkommen/Reichtum, Arbeit und Unterkunft auf der einen Seite sowie Lebensqualität auf der anderen Seite, zu der unter anderem der Gesundheitszustand, Work-Life-Balance, Bildung, soziale Beziehungen, Qualität der Umwelt, persönliche Sicherheit und subjektives Wohlbefinden zählen (vgl. OECD, 2011). Die thematische Struktur für aktuelles Wohlbefinden deckt im Rahmen des OECD-Ansatzes viele Komponenten ab, die als Teilaspekte sowohl materielle Faktoren als auch individuelle Befähigung (capabilities) berücksichtigt (vgl. ebenda). Letztere beziehen sich dabei auf die Bedingungen, unter denen Entscheidungen getroffen werden und die Möglichkeiten der Menschen, Ressourcen in bestimmte Zwecke zu transformieren, zum Beispiel in Gesundheit (vgl. Sen, 1998).

Die subjektive Zufriedenheitsforschung kommt dabei teilweise zu erstaunlichen Ergebnissen. Eine dieser überraschenden Beobachtungen ist, dass die subjektive Lebenszufriedenheit ab dem frühen Erwachsenenalter erst abnimmt, dann aber nach der Midlife-Crisis wieder ansteigt (vgl. The Economist, 2010). Damit ist der Zusammenhang zwischen Gesundheit, Lebensalter und Lebenszufriedenheit nicht linear, sondern folgt einer U-Kurve (siehe Abbildung): Während der Gesundheitszustand sich mit zunehmendem Lebensalter verschlechtert, nimmt die Lebenszufriedenheit im Alter wieder zu. Unzweifelhaft übt der Gesundheitszustand einen bedeutenden Einfluss auf die Lebensqualität eines Menschen aus. Der scheinbare Widerspruch lässt sich dahingehend auflösen, dass es offenbar nicht ausschließlich der absolute Gesundheitszustand ist, der die Lebenszufriedenheit bestimmt. Vielmehr scheinen sich Menschen in ihrer Empfindung von Lebenszufriedenheit an äußere Umstände, darunter auch das zunehmende Lebensalter, anzupassen.1 Die Referenz, an der sich Zufriedenheit bemisst, verschiebt sich im Laufe der Zeit. Und schließlich weicht man auf andere Aktivitäten aus, wenn der körperliche Zustand Sport, Reisen etc. nicht mehr wie in jüngerem Lebensalter zulässt.



Ein weiterer Punkt betrifft auch die relative Position einer Person im Verhältnis zu seinem Umfeld. Zum Teil bestimmt sich das Umfeld endogen, weil man sich soziale Kontakte danach auswählt, wie glücklich man mit diesen sein kann. Zum Teil ist das soziale Umfeld, insbesondere das berufliche, aber auch exogen gegeben. Sich mit anderen messen und vergleichen zu müssen, kann die subjektive Zufriedenheit maßgeblich beeinflussen. Die Bedeutung des relativen Einkommens oder Status ist vor allem in der mittleren Lebensphase entscheidend; sie nimmt jedoch mit zunehmendem Lebensalter ab. Auch das ist ein Grund, weshalb die Lebenszufriedenheit ungefähr ab dem 50. Lebensjahr wieder ansteigt (siehe Abbildung). Auch bei jüngeren Menschen hängt die Lebenszufriedenheit weniger vom relativen Einkommen bezogen auf das jeweilige soziale Umfeld ab; für sie zählt – aus naheliegenden Gründen – eher die Perspektive als der Zustand (vgl. zum Beispiel FitzRoy et al., 2011).

Die zweite Fragestellung nach der subjektiven Zufriedenheit zu einem bestimmten Zeitpunkt hat zwar einen anderen Schwerpunkt, ist aber für gesundheitsrelevante Schlussfolgerungen nicht minder interessant. Wie wir uns zu einem Zeitpunkt fühlen, hängt ausschlaggebend von unserer unmittelbaren Umgebung ab. Dabei treten die Faktoren, die die generelle Zufriedenheit beeinflussen, in den Hintergrund, situative Dinge hingegen in den Vordergrund. Der entscheidende Faktor hierbei ist unsere Aufmerksamkeit (vgl. Kahneman, 2011). Für unseren Gemütszustand ist das ausschlaggebend, worauf wir uns konzentrieren. Um uns an Dingen zu erfreuen, müssen wir daher unsere Aufmerksamkeit auf sie lenken. Kahneman beschreibt eine Studie, in der das Essverhalten von französischen und amerikanischen Frauen verglichen wird. Obwohl beide Gruppen die gleiche Zeit zum Essen aufwendeten, war die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Französinnen auf diese Aktivität konzentrierten, doppelt so hoch wie bei den Amerikanerinnen, die Essen häufig mit anderen Aktivitäten kombinierten. Der aus dem Essen erlebte Genuss war bei den Amerikanerinnen entsprechend niedriger.

Diese Beobachtungen haben Auswirkungen für unser Verhalten in Bezug auf unsere Zufriedenheit. Sie legen nahe, dass man sein erlebtes Wohlbefinden steigern kann, indem man passive Beschäftigungen (beispielweise Fernsehen) meidet und durch aktive Formen ersetzt (beispielsweise soziale Kontakte, Sport). Dieses Ergebnis deckt sich mit der empirischen Glücksforschung, die soziale Interaktion als eine wichtige Determinante für Lebenszufriedenheit und Glück identifiziert hat (vgl. Frey/Stutzer, 2010).

1 Die Bedeutung von Zustand, Erwartungen und Zustandsänderungen für die Empfindung von Nutzen wird in der Prospect Theory formalisiert.


Literatur

Die im Artikel erwähnte Literatur finden Sie in der neuen HWWI/Berenberg Bank-Studie: Strategie 2030 − Gesundheit.

Weitere Literaturangaben:

FitzRoy, F.; et al. (2011): Age, Life-Satisfaction, and Relative Income: Insights from the UK and Germany, IZA Discussion Paper 6045, Bonn.

Frey, B.; Stutzer, A. (2010): Glück: Die ökonomische Analyse, in: Witte, E. H. (Hrsg.): Sozialpsychologie und Ökonomie, Lengerich.


Berufungen

Dr. Stefan Kolev, Senior Economist der HWWI-Niederlassung Thüringen und Leiter des Projektes „Die Planwirtschaft der DDR − Mythos und Wirklichkeit“, wurde zum 1. März 2012 als Professor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Wirtschaftspolitik, an die Westsächsische Hochschule Zwickau berufen.

Dr. Torben Kuhlenkasper, Senior Economist der HWWI-Niederlassung in Bremen, wurde zum 1. April 2012 als Professor für Ökonometrie an die Goethe-Universität Frankfurt am Main berufen.

Autoren

Dr. Jana Stöver
Prof. Dr. Henning Vöpel