Arbeit, Bildung, Demografie

Die Anerkennung von im Ausland erworbenen Qualifikationen im medizinischen Sektor

23.04.2009 | HWWI Update | von Tanja El-Cherkeh, Tilman Weber

Die Nicht-Anerkennung von im Ausland erworbenen Qualifikationen stellt eine der größten Barrieren für die erfolgreiche Arbeitsmarktintegration von Migrantinnen und Migranten dar. Dies wurde zwar in einer Vielzahl von Studien auf nationaler und internationaler Ebene bestätigt, jedoch gibt es kaum Untersuchungen über die in einzelnen Ländern angewandten Ansätze, Verfahren und Maßnahmen zur Anerkennung von Abschlüssen und Bewertung von Fähigkeiten. Im Februar 2009 fand im HWWI ein Workshop mit Experten aus Australien, Deutschland, Israel, den Niederlanden, Portugal, dem Vereinigten Königreich sowie der UNESCO und World Health Organization (WHO) statt, bei dem Aspekte wie die Zuwanderungsgeschichte, Migrationssteuerung, Bedarfe aus den Arbeitsmärkten - insbesondere im medizinischen Sektor - sowie Praktiken bei der Anerkennung von Qualifikationen diskutiert wurden.

Laut Teilnehmerin der WHO zeichnet sich weltweit ein Mangel an medizinischem Fachpersonal ab; im Jahr 2006 fehlen geschätzte 4,3 Millionen Arbeitskräfte im Gesundheitsbereich. Die Versorgungssituation in Europa ist zwar noch überdurchschnittlich gut, doch befürchtet die Europäische Union (EU) eine Verschärfung der Situation, bedingt durch die Alterung der (Erwerbs-)Bevölkerung und einen steigenden Bedarf an geschultem Personal zur Handhabung modernster Medizintechnik.

Für Deutschland stellt sich nicht nur das Problem der demografischen Entwicklung. Auch sind die Absolventenzahlen in medizinischen Fächern rückläufig. Hinzu kommt, dass ein erheblicher Anteil an Ärztinnen und Ärzten und Gesundheitsfachkräften nicht auf Dauer im medizinischen Sektor bleibt oder ins Ausland abwandert. Experten gehen daher davon aus, dass es in Deutschland in naher Zukunft einen ernsthaften Versorgungsengpass geben wird, der sich bereits in einigen östlichen und ländlichen Gebieten abzeichnet. Gleichzeitig gibt es eine beachtliche Anzahl an ausländischen Ärztinnen und Ärzten sowie medizinischen Fachkräften, denen erhebliche Hindernisse in den Weg gelegt werden, wenn sie eine ihren Qualifikationen entsprechende Beschäftigung aufnehmen wollen. Ärztinnen und Ärzten, Krankenpflegerinnen und -Pfleger sowie Fachkräfte im Gesundheitsbereich sind in Deutschland - neben den bundeseinheitlichen Regelungen durch das Zuwanderungsgesetz - weitergehenden berufsrechtlichen Vorschriften unterworfen. Sofern sie ihre Ausbildung außerhalb der EU absolviert haben, müssen sie ihre Diplome und Arbeitserfahrungen anerkennen lassen. Dies ist grundsätzlich sicherlich notwendig, um einheitliche Qualitätsstandards in der Leistungserbringung zu sichern. Jedoch obliegt die Gestaltung und Durchführung der notwendigen Prüfungen den Bundesländern, wodurch ein schwer zu erfassendes Nebeneinander von wenigstens 16 verschiedenen Ordnungsinstanzen mit unterschiedlichen Regelungen entsteht. Hinzu kommen unterschiedliche Maßgaben je nach Aufenthaltsstatus und nach Einreisemotivation.

Abgesehen von wenigen Ausnahmen, erhalten ausländische Ärztinnen und Ärzte in Deutschland keine Approbation, sondern eine befristete Berufserlaubnis, die auf einen Arbeitgeber oder einen Tätigkeitsbereich (oft als Assistenzarzt) beschränkt werden kann; teilweise ist ein erneuter Antrag nach nur einem Jahr erforderlich. Darüber hinaus muss der Arbeitgeber häufig beweisen, dass der Arbeitsplatz ausgeschrieben, aber kein angemessen qualifizierter Deutscher oder EU-Staatsbürger gefunden wurde. Angesichts dieser bürokratischen Hürden schrecken viele potenzielle Arbeitgeber davor zurück, Nicht-EUStaatsbürger einzustellen. Hinzu kommt, dass bisher kein Bundesland Informationsmaterialien für Migrantinnen und Migranten leicht zugänglich zur Verfügung stellt, auch werden keine Unterstützungsangebote, wie Sprach- und Vorbereitungskurse, angeboten. Im Gegenteil, Studien haben gezeigt, dass Migrantinnen und Migranten häufig falsch informiert wurden. Langjährige Hindernisläufe führen letztendlich zur Resignation, und qualifizierte Fachkräfte nehmen Tätigkeiten an, die weit unter ihrem Qualifikationsniveau an. Damit bleibt Humankapital oft ungenutzt – mit negativen Konsequenzen nicht nur für die Betroffenen, sondern auf längere Sicht auch für die Gesellschaft.

In anderen Ländern, die sich bereits seit geraumer Zeit dem drohenden Mangel an medizinisch versiertem Fachpersonal bewusst sind, sieht dies anders aus. Australien beispielsweise betreibt eine umfangreiche Informationspolitik und hat eine Reihe von Maßnahmen entwickelt, die die erfolgreiche Arbeitsmarkintegration fördern sollen: Potenzielle Einwanderer erhalten alle notwendigen Informationen online, inklusive einer Auflistung internationaler Universitäten und Abschlüsse, die anerkannt werden. Nach ihrer Ankunft werden den Zuwanderern Schulungen über das australische Gesundheitssystem, Sprachkurse mit Fachtermini und inhaltliche Vorbereitungskurse für den Sprachtest und die medizinischen Prüfungen oder alternativ eine 12-monatige praxisbezogene Tätigkeit unter Aufsicht angeboten. Auch Kanada setzt auf transparente Informationen im Internet vor der Einreise. Dazu gehört ebenfalls die Möglichkeit, die eigene Qualifikation bereits vor der Einreise testen und zertifizieren zu lassen. Außerdem werden fachspezifische Sprachkurse vor der Einreise angeboten.

Letztendlich geht es um die Frage, wie Humankapital – ein weltweit wertvolles und knappes Gut – gewürdigt wird.