Branchen und Wirtschaftszweige, Weltwirtschaft

Marktchancen in Indien – Maritime Wirtschaft

24.06.2013 | HWWI Update | von Franziska Biermann, Raphaela Cordes, Gunnar Geyer

Die deutschen Exporte Richtung Indien (10,38 Mrd. EUR) haben derzeit einen Anteil von 0,95 % an den gesamten deutschen Ausfuhren. Als Absatzmarkt spielt das Land, auch aufgrund des niedrigen Pro-Kopf Einkommens, noch eine vergleichsweise geringe Rolle. Dennoch ergeben sich mittel- bis langfristig große Wachstumschancen, vor allem aufgrund der Marktgröße und der noch geringen Marktsättigung.

Circa 80 % des weltweiten Warenvolumens werden über den Seeweg transportiert und in internationalen Häfen umgeschlagen. Die globale Nachfrage nach Gütern und Rohstoffen beeinflusst somit in hohem Maße alle Sektoren der maritimen Wirtschaft – die Schifffahrt, die Hafenwirtschaft inklusive Hinterlandlogistik, die Werften mit ihren Zulieferindustrien sowie alle maritimen Dienstleistungen. In den 13 indischen Major Ports ist der Umschlag zwischen 2005 und 2011 insgesamt um
32 % gestiegen, der Containerumschlag um etwa 40 %. Die größten Häfen sind Mumbai, inklusive des Containerhafens Jawaharlal Nehru Port, Kandla, Chennai und Visakhapatnam.

Der Containerverkehr zwischen Europa und Indien ist derzeit gering. Nach dem von der UNCTAD veröffentlichten Liner Shipping Connectivity Index, der die Einbindung eines Landes in das globale Containerschiffahrts-Netzwerk misst, liegt Indien nur auf Platz 32 und hat gegenüber dem Vorjahr 10 Plätze eingebüßt. Neben den – absolut betrachtet – geringen Ein- und Ausfuhren von Industrieerzeugnissen trägt hierzu auch die vergleichsweise schlechte Infrastruktur der Häfen bei.

Neben der Infrastruktur entspricht auch die Hinterlandanbindung noch nicht den internationalen Standards. Im Zuge der  „Maritime Agenda 2010–2020“ plant die indische Regierung Investitionen in den Major Ports in Höhe von 1,1 Bio. Indische Rupien (INR) (circa 15,6 Mrd. EUR), davon etwa zwei Drittel privat finanziert. Unter anderem sind die Vertiefung von Kanälen und Hafenbecken, der Aus- und Neubau der Hafenanlagen und die Bereitstellung von Infrastruktur vorgesehen. Nahezu ausschließlich staatlich finanziert wird die Anbindung der Häfen an das Straßen- und Schienennetz. Bis 2019/2020 rechnet die indische Regierung mit einer Zunahme des seewärtigen Güterverkehrs um rund 140 % auf 2,5 Mrd. Tonnen, knapp die Hälfte hiervon in den Major Ports. Insbesondere der Umschlag von containerisierten Gütern, Kohle und Düngemitteln wird demnach zunehmen.

Dem indischen Schiffbau kommt im globalen Vergleich eine untergeordnete Rolle zu. Im Jahr 2012 nahm Indien Rang neun unter den Schiffbaunationen ein, gemessen am Volumen, dem Arbeitsaufwand sowie der Wertschöpfung der Schiffsproduktion. Nur 0,9 % der weltweiten Auftragsbestände Anfang 2013 entfielen auf indische Auftragsbücher. Der Schwerpunkt der indischen Werften liegt auf dem Bau von Massengutfrachtern, die beispielsweise Kohle, Erze oder Getreide transportieren, während für den Bau von Containerschiffen und Tankern keine beziehungsweise nur geringe Auftragsbestände existieren. Im Zuge der weltweiten Auftragseinbrüche 2008/2009 ging die Zahl der indischen Werften von 32 auf nunmehr 27 zurück, davon acht in staatlicher Hand. Die beiden größten Schiffbauunternehmen, gemessen an den Schiffbaukapazitäten, sind die Pipavav Defence and Offshore Engineering Company und die Larsen & Toubro Ltd.. Im Jahr 2012 wurden in Schiffbau und Schiffreparatur zusammen 197 Mrd. INR (2,8 Mrd. EUR) erwirtschaftet, davon 83,4 % im Schiffbausektor und
16,6 % im Schiffsreparatursektor.

Trotz der geplanten und teilweise schon umgesetzten Investitionen ist nicht abzusehen, dass Indien zu den großen Schiffbaunationen aufsteigt. Potenziale bieten eine Spezialisierung auf den Bau von nicht-konventionellen Schiffen für den Offshore-Sektor sowie der marine Schiffbau. Für deutsche Unternehmer bieten die technologie- und wissensintensive Exploration der Rohstofffelder im Tiefseebereich des Indischen Ozeans sowie die Planungen, der Bau und die Installation der Offshore-Anlagen Potenziale, sowohl maritime Technologien als auch Dienstleistungen nach Indien zu exportieren. Im Bereich Unterwassertechnik stellt das Land bereits den wichtigsten außereuropäischen Markt für die Bundesrepublik dar.

Noch in diesem Jahrzehnt wird die indische Wirtschaft nach Prognosen des Internationalen Währungsfonds ein Wachstum von bis zu 7 % pro Jahr aufweisen. Wenn die staatlichen Reformen und Investitionsvorhaben wie geplant umgesetzt werden, wird sich Indien mittel- bis langfristig zu einem wichtigen Investitionsstandort entwickeln.

Policy paper

Biermann, F.; Cordes, R.; Geyer, G. (2013): Marktchancen in Indien – Maritime Wirtschaft, HWWI Policy Paper 77, Hamburg.