Demografie, Städtische Räume

Internationalität und Stadtentwicklung

21.11.2011 | HWWI Update | von Elzbieta Hagemann, Birte Steller, Silvia Stiller

„Welcome in Hamburg!“ – heißt es bei der Ankunft auf dem Hamburg Airport. Willkommen sind alle Menschen, die die Stadt privat oder beruflich besuchen, aber auch jene, die in Hamburg bleiben wollen oder hier bereits leben. Die Internationalität von Städten und die Kultur der Offenheit einer Gesellschaft standen im Mittelpunkt der Hamburg Welcome Days 2011.

Mit 1,8 Millionen Einwohnern stellt Hamburg die zweitgrößte Stadt Deutschlands dar. Und seine Bevölkerung wächst weiter: Von 2003 bis Ende 2010 legte sie um 4,1 % zu. Der Anteil der ausländischen Bevölkerung Hamburgs von 13,5 % erweist sich allerdings im Vergleich zu anderen deutschen Großstädten als moderat. Unter anderem Berlin, Köln, Frankfurt am Main, Stuttgart und München weisen einen höheren ausländischen Bevölkerungsanteil auf (vgl. Statistisches Bundesamt 2011).

Auch zukünftig werden internationale Wanderungen und der Anstieg der kulturellen Vielfalt in urbanen Räumen die Stadtentwicklung prägende Trends sein – auch in Hamburg. Vor diesem Hintergrund haben das HWWI und das Hamburg Welcome Center gemeinsam am 21. Oktober 2011 im Rahmen der ersten Hamburg Welcome Days die internationale Konferenz „Internationality of Metropolitan Life and Economics“ in der Handelskammer Hamburg veranstaltet. Experten aus dem In- und Ausland stellten auf der Konferenz ihre Forschungsergebnisse und Praxiserfahrungen zu Zuwanderung und Internationalität von Städten vor. Zusammen mit den Vertretern regionaler Verwaltungen, norddeutscher Unternehmen, Wissenschaftseinrichtungen und einem interessierten Fachpublikum diskutierten sie über die Voraussetzungen und die zukünftigen Herausforderungen einer international ausgerichteten Stadtpolitik.

Die Konferenz wurde von Birte Steller (Hamburg Welcome Center), Frank Horch (Senator für Wirtschaft, Verkehr und Innovation) sowie Jens Peter Breitengroß (Vizepräses der Handelskammer Hamburg) eröffnet. Der erste Teil der Konferenz widmete sich der Internationalität der Wirtschaft. Silvia Stiller (HWWI) machte das Konferenzpublikum auf vier Trends aufmerksam, die die zukünftige Entwicklung Hamburgs bestimmen werden: Internationalität, Verstädterung, wissensbasierter Struktur- sowie demografischer Wandel. Denn die Globalisierung führte in den letzten Dekaden nicht nur zu einer enormen Zunahme des internationalen Handels und von Dienstleistungen, sondern wurde begleitet von stetig wachsenden Migrationsströmen. Dabei sind insbesondere Städte das Ziel von Zuwanderern.

Die Zahl der Menschen, die in den Städten wohnen werden, wird sich nach Berechnungen der Vereinten Nationen in den kommenden 40 Jahren auf etwa 6 Milliarden Menschen im Vergleich zu heute verdoppeln. Einen weiteren entscheidenden Aspekt der Stadtentwicklung wird der Wandel zu einer wissensbasierten Gesellschaft darstellen. Dieser Wandel findet, bemerkte Silvia Stiller, vor allem in städtischen Regionen statt. Es sind Großstädte wie Stuttgart, München und Frankfurt am Main (siehe Grafik), wo der Beschäftigungsanteil in den sogenannten wissensintensiven Wirtschaftszweigen – wie dem Fahrzeugbau, der Chemischen Industrie und in Architektur- und Ingenieurbüros – am höchsten ist. Mit 37,3 %ist Hamburg im Städtevergleich bezüglich des Beschäftigungsanteils wissensintensiver Wirtschaftszweige auch relativ gut aufgestellt. Gemessen an den Top-Städten weist die Hansestadt jedoch einen dringlichen Nachholbedarf für die Zukunft auf.


Im Fokus der Präsentation von Annekatrin Niebuhr, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) Nord und Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, standen die demografischen Aussichten für Norddeutschland und insbesondere die Metropolregion Hamburg. Nach Prognosen des Statistischen Bundesamtes wird die Zahl der erwerbsfähigen Bevölkerung (15-65 Jahre) in Hamburg schon von 2010 (1,22 Millionen) bis 2020 (1,18 Millionen) merklich sinken. Dies wird die wissensbasierte Wirtschaft vor große Herausforderungen stellen und die Steigerung ihrer Attraktivität für (hoch) qualifizierte Menschen aus der ganzen Welt wird angesichts der demografischen Trends für die Hamburger Unternehmen unvermeidbar sein.

Die IAB-Daten für 2010 zeigen, dass von 20 000 der in der Hamburger Wirtschaft beschäftigten qualifizierten Arbeitskräfte mit ausländischem Pass 6 000 über einen Universitäts- bzw. Hochschulabschluss verfügen. Branchen wie Luftfahrt und Wasserwirtschaft (25,8 %), Chemie und Physik (12,0 %) sowie Schulwesen (9,4 %) weisen dabei den höchsten Anteil an hoch qualifizierten ausländischen Beschäftigten auf.

Im zweiten Teil der Veranstaltung hatten die Referenten und Teilnehmer die Möglichkeit, in drei Workshops die Konferenzthemen zu vertiefen. Der erste Workshop beschäftigte sich mit der Frage „Unternehmen: Wettbewerb um Talente?“ und wurde durch Beiträge von Stefan Matz (Hamburgische Gesellschaft für Wirtschaftsförderung), Luis Contreras Muslera (Capgemini), Corinna Nienstedt (Handelskammer Hamburg), Silvia Stiller (HWWI) und André Unland (Kühne + Nagel) begleitet. In der Diskussion wurde deutlich, dass der Wettbewerbsfaktor „Internationalität“ für Unternehmen aufgrund der globalisierten Märkte und der migrationsbedingten Diversität der Belegschaften an Bedeutung gewinnt. Gleichwohl sahen zahlreiche Diskutanten für die Hamburger Wirtschaft noch erhebliche Potenziale, die Internationalität als Erfolgsfaktor weiter zu stärken. Um (hoch) qualifizierte ausländische Mitarbeiter für sich zu gewinnen, sollten sich Unternehmen umso mehr den neuen Anforderungen stellen und in neue Felder investieren, wie etwa der Schaffung von (internationalen) Kindergärten und Schulen.

Im Fokus des zweiten Workshops standen politische Handlungsoptionen und die Frage „Wie öffnet man Städte?“. Rosa Alegre (City Council, Madrid), Guido Jansen (British Council Berlin), Birte Steller (Hamburg Welcome Center) und Max F. Steinhardt (HWWI) führten in die Diskussion ein. Zunächst wurde die Offenheit einer Stadt definiert. Die Referenten betonten, dass für die Offenheit einer Stadt sowohl institutionelle als auch gesellschaftliche Rahmenbedingungen von zentraler Bedeutung sind. Arbeitsmarktspezifische Fragen, wie die Anerkennung von ausländischen Bildungsabschlüssen, die Möglichkeit der vereinfachten Arbeitssuche für die Ehegattin / den Ehegatten (dual career) und die Entschlackung überfrachteter Erteilungsnormen, wie zum Beispiel § 19 AufenthG, die Niederlassungserlaubnis für „besonders spezialisierte“ Hochqualifizierte „im besonderen Einzelfall“, waren ein Schwerpunktthema. Daneben wurden Faktoren wie die interkulturelle Ausrichtung von administrativen Dienstleistungen sowie Lebensqualität und interkulturelles Engagement in einer Stadt in den Blick genommen. Außerdem haben Vertreter der Städte den Wunsch geäußert, dass es zu einem engeren Austausch zwischen Bund und Kommunen bezüglich der Ausgestaltung und Umsetzung der Zuwanderungsgesetzgebung kommen sollte.

Weitere soft factors standen im Mittelpunkt des dritten Workshops mit der Überschrift „Kreativität, Kultur und Lebensqualität: Wie können ‚weiche Faktoren‘ entwickelt werden?“. An der Diskussion haben sich beteiligt: Sascha Haselmayer (Living Labs Global, Barcelona), Peter Paul (Maytree Foundation, Toronto), Alain Thierstein (Technische Universität München) und Jan Wedemeier (HWWI). Am Beispiel der Stadt Barcelona wurde veranschaulicht, dass Investitionen in Talent (hoch qualifizierte Personen) häufig aus der Perspektive der Stadtentwicklung als nicht notwendig angesehen werden. Hingegen wird eine Investition in hard factors, beispielsweise Infrastruktur, oft vorgezogen. In der Diskussion wurde festgehalten, dass die Wissensökonomie und die kreative Ökonomie zwei sich überschneidende Sektoren sind, die beide auf die Verfügbarkeit von Talent angewiesen sind, wobei die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund gerade auch in diesen Branchen zu fördern ist. Bildungsangebote und Programme, wie das Mentoring Partnership-Programm in Toronto, können dabei als Instrument zum Markteintritt helfen.

Der vor 50 Jahren unterzeichnete deutsch-türkische Anwerbevertrag bildete den Anlass, zum Konferenzabschluss Hüseyin Yilmaz (Stellvertretende Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland) einzuladen. Seine Erfahrungen als Eingewanderter und Wahl-Hamburger verstärkten den Leitgedanken der Konferenz: Die Willkommens-Kultur einer Stadt wird den Wettbewerb um die Talente aus der Welt entscheiden.


Empfehlenswerte Literatur

Im Online-Dossier „Städte“ finden Sie unsere Publikationen zum Thema.

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Autoren

Elzbieta Hagemann
Hamburgisches WeltWirtschaftsInstitut (HWWI)
Dr. Silvia Stiller