Arbeit, Branchen und Wirtschaftszweige, Demografie

Jeder sechste Selbstständige hat einen Migrationshintergrund

24.05.2011 | HWWI Update | von Ann-Julia Schaland, Andreia Tolciu

In Zukunft wird die Anzahl der Unternehmer in Deutschland demografisch bedingt sinken. Menschen mit Migrationshintergrund können dieser Entwicklung entgegenwirken. Schon heute gibt es 655 000 selbstständige Migranten in Deutschland. Damit haben 16 % aller Selbstständigen einen Migrationshintergrund – Tendenz steigend.

Auswertungen des Mikrozensus 2009 zeigen, dass Zuwanderer ohne deutsche Staatsangehörigkeit häufiger den Schritt in die Selbstständig wagen als Deutsche ohne Migrationshintergrund. Hier liegen die jeweiligen Selbstständigenquoten bei 12 gegenüber 11 %.

Auffällig ist, dass polnische Migranten erstmalig türkische Migranten als größte Gruppe unter den selbstständigen Migranten abgelöst haben (87 000 gegenüber 82 000). Dies ist nicht verwunderlich, da die Selbstständigenquote von polnischen Migranten deutlich über der von türkischen Migranten liegt (12 % gegenüber 8 %). Schaut man sich gesondert die Quote von polnischen Staatsbürgern an (das heißt ohne Eingebürgerte und in Deutschland als Deutsche geborene mit mindestens einem polnischen Elternteil), liegt die Selbstständigenquote sogar bei 27 %. Diese extrem hohe Quote ist damit zu erklären, dass für polnische Staatsangehörige der Weg in eine abhängige Beschäftigung durch die bisher geltenden arbeitsrechtlichen Restriktionen erschwert war. Folglich ist zu erwarten, dass die Selbstständigenquote im Zuge der seit Mai gültigen Arbeitnehmerfreizügigkeit für polnische Staatsbürger zurückgehen wird.

Die drittgrößte Gruppe unter den selbstständigen Migranten sind Selbstständige mit italienischen und (ex-)jugoslawischen Wurzeln (jeweils 46 000), gefolgt von griechischen Migranten (28 000). Auffällig ist, dass Personen mit griechischem Migrationshintergrund eine deutlich höhere Selbstständigenquote aufweisen als Migranten aus den anderen ehemaligen Anwerbeländern (15 % gegenüber 7 % für (ex-)jugoslawische und 12 % italienische Migranten). Erklärt wird diese Differenz damit, dass Griechen auch in ihrem Heimatland eine ausgeprägte Gründungskultur besitzen. Hier liegt die Selbstständigenquote bei über 30 % und damit an der Spitze im europäischen Vergleich.

Migranten gründen in anderen Wirtschaftszweigen als Deutsche ohne Migrationshintergrund: Sie sind deutlich seltener im Bereich der Land- und Forstwirtschaft anzutreffen (1 % gegenüber 7 %) (vgl. Mikrozensus 2008). Das ist vor allem damit zu erklären, dass Migranten der Zugang zu Betrieben in dieser Branche fehlt, die häufig innerhalb von Familien weitergeben werden. Demgegenüber machen sich Migranten deutlich häufiger im Gastgewerbe selbstständig (15 % gegenüber 4 %). In dieser Branche existieren zum einen niedrige Zugangsbarrieren. Zum anderen können Migranten aufgrund ihres kulturellen Hintergrundes vor allem in der Gastronomie spezielle Dienstleistungen anbieten. Auch im Handel sind Migranten häufiger anzutreffen: Hier macht sich jeder fünfte Migrant selbstständig.

Positiv hervorzuheben ist, dass der Anteil von Migranten, die im Bereich wissensintensiver Dienstleistungen gründen, in den letzten fünf Jahren deutlich angestiegen ist (15 % im Jahr 2003 gegenüber 17% im Jahr 2008 (vgl. Mikrozensus 2003 und 2008). Dieser Zuwachs ist damit zu begründen, dass vor fünf Jahren lediglich Ausländer, das heißt Personen ohne deutsche Staatsangehörigkeit, in die Statistik eingingen und deutsche Staatsbürger mit Migrationshintergrund nicht erfasst wurden. Außerdem ist bekannt, dass gerade Hochqualifizierte, die der zweiten Generation angehören, häufiger den Weg in die Selbstständigkeit einschlagen als Hochqualifizierte ohne Migrationshintergrund. So liegt die Selbstständigenquote von Migranten mit einem Hochschulabschluss bei 19 %. Damit liegt die Quote zwei Prozentpunkte höher als bei der Vergleichsgruppe (vgl. Mikrozensus 2008).

Die Neigung von hoch qualifizierten Migranten zur Selbstständigkeit kann zum einen damit erklärt werden, dass auch für diese Migrantengruppe der Weg in ein abhängiges Beschäftigungsverhältnis in Deutschland erschwert ist. Faktoren, die die Beschäftigung behindern, sind zum Beispiel der Anerkennungsprozess von im Ausland erworbenen Qualifikationen, arbeitsrechtliche Gründe sowie Vorbehalte von Seiten der Arbeitgeber. Zum anderen besitzen Migranten spezielle Kompetenzen, wie zum Beispiel Mehrsprachigkeit und die Kenntnis verschiedener kultureller Praktiken, die Chancen für unternehmerisches Handeln in einer global vernetzen Welt eröffnen. Erste Studien zeigen, dass transkulturelle Kompetenz die Entdeckung von Marktnischen, den Aufbau unternehmensrelevanter Netzwerke oder die Produktion innovativer Geschäftsideen fördern kann.


Projekt

Ein Forschungsprojekt am HWWI, das von der Edmund Siemers-Stiftung gefördert wird, geht dieser Frage weiter nach und untersucht am Beispiel türkischer Migranten den Einfluss von Transkulturalität auf Unternehmertätigkeiten.