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Luftfahrtindustrie – Wachstumsmotor für Norddeutschland

10.12.2012 | HWWI Update | von Franziska Biermann

Forschungsintensive und technologieorientierte Industrien sind Treiber für wirtschaftliches Wachstum und die Beschäftigung von Fachkräften. Die Luftfahrtindustrie ist vielerorts in Norddeutschland die dominierende Spitzentechnologie. Ihre Bedeutung für die norddeutschen Bundesländer Hamburg, Bremen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein untersucht eine aktuelle Studie des HWWI, die im Auftrag von Airbus erstellt wurde.

Deutschlandweit steigen die Beschäftigung und die Umsätze in den Unternehmen der Luft- und Raumfahrtindustrie. Norddeutschland bildet ein wichtiges Zentrum dieser räumlich konzentrierten Branche. Mit ihrem Luftfahrtcluster ist die Metropolregion Hamburg neben Seattle, Toulouse und Montréal einer der weltweit führenden Standorte der zivilen Luftfahrtindustrie.

Der Großteil der Umsätze der Luftfahrtindustrie findet auf Auslandsmärkten statt. Deshalb stehen die Zukunftsaussichten für die norddeutschen Unternehmen der Branche im engen Zusammenhang mit der weltweiten Nachfrage nach Flugzeugen. Aufgrund steigender Pro-Kopf-Einkommen und eines globalen Bevölkerungswachstums wird das Passagier- und Frachtaufkommen im Flugverkehr bis 2030 deutlich zunehmen. Dies setzt voraus, dass die Fluggesellschaften ihre Flotten ausbauen. Prognosen der führenden Fluggesellschaften zufolge beträgt die Anzahl der von 2012 bis 2031 neu ausgelieferten Passagier- und Frachtmaschinen rund 30.000, wobei der asiatische Absatzmarkt dominiert. Die Unternehmen in Norddeutschland sind in diese weltwirtschaftlichen Entwicklungen eingebunden, die große Absatzpotenziale eröffnen.



In den norddeutschen Bundesländern Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein ist der Flugzeugbau eine beschäftigungsstarke Industrie. Rund 35.000 Menschen und somit 43 % aller Beschäftigten im deutschen Luft- und Raumfahrzeugbau arbeiten in diesen Bundesländern. Jeder vierte Beschäftigte dieser Industrie hat seinen Arbeitsplatz in Hamburg (siehe Grafik). Damit zählt die Hansestadt in diesem Wirtschaftszweig fast so viele Mitarbeiter wie Bayern. Die norddeutsche Luftfahrtindustrie setzt sich aus mehreren großen sowie zahlreichen kleinen und mittelständischen Unternehmen zusammen. Neben den Flugzeugbauern sind Zulieferer, Wartungs- und Instandhaltungsbetriebe, Ingenieurdienstleister, Unternehmen der Kreativwirtschaft, Forschungseinrichtungen und andere Institutionen Teil dieser breit gefächerten Branche. Sie sind in Netzwerken regional und international organisiert. Die Landesinitiativen der Luftfahrt in Hamburg und Niedersachsen zählen 300 beziehungsweise 250 Unternehmen, das größte Bremer Netzwerk hat 50 Mitglieder.

Die regionale Bedeutung der Branche zeigt sich auch daran, dass jeder zehnte hoch qualifizierte Beschäftigte in Norddeutschland seinen Arbeitsplatz im Luft- und Raumfahrzeugbau hat. Deutschlandweit arbeiten 2,7 % der Beschäftigten mit Hoch- und Fachhochschulabschluss in diesem Wirtschaftszweig. Umgekehrt heißt dies, dass jeder vierte Beschäftigte im norddeutschen Luft- und Raumfahrzeugbau einen akademischen Abschluss hat. Dieser Anteil ist dreimal so hoch wie in der norddeutschen Wirtschaft insgesamt. Die Branche weist auch einen besonders hohen Anteil an Akademikern auf, die in der Forschung und Entwicklung tätig sind. Damit trägt die Luftfahrtindustrie als Spitzentechnologie zum wissensbasierten Strukturwandel bei.

Während die Industriebeschäftigung in Norddeutschland insgesamt auf dem Rückzug ist, entstehen im Luft- und Raumfahrzeugbau neue Arbeitsplätze. Von 2007 bis 2011 sank die Zahl der Beschäftigten in den vier norddeutschen Bundesländern im verarbeitenden Gewerbe um 0,2 %, was vor allem auf Beschäftigungsrückgänge in arbeitsintensiven Industrien zurückzuführen ist. Neue Arbeitsverhältnisse entstehen aufgrund des wissensbasierten Strukturwandels dagegen in forschungsintensiven und technologieorientierten Industrien, wie dem Luft- und Raumfahrzeugbau. Hier wuchs die Beschäftigung in Norddeutschland im selben Zeitraum um 5,1 %.

Die Unternehmen des Luft- und Raumfahrzeugbaus in Deutschland investieren pro Arbeitsplatz mehr als doppelt so viel in Forschung und Entwicklung (FuE) wie ein durchschnittliches Industrieunternehmen. Gemessen am Umsatz ist sie sogar die Industrie mit den höchsten FuE-Ausgaben. Insgesamt wurden im Jahr 2010 in Deutschland im Luft- und Raumfahrzeugbau rund 3,4 Mrd. Euro für FuE aufgewendet. Zwei Drittel davon wurde von den Unternehmen und ein Drittel von öffentlichen Institutionen finanziert. Etwa jeder dritte von Unternehmen aufgewendete Euro kommt in Form von Auftragsarbeiten anderen Unternehmen und Instituten zugute.

Vor dem Hintergrund des wachsenden Luftverkehrsaufkommens steht die Luft- und Raumfahrtindustrie auch vor ökologischen Herausforderungen. Viele Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten haben deshalb die Verbesserung der Umweltverträglichkeit zum Ziel. Von 2020 an will die zivile Luftfahrt CO2-neutral wachsen und ihre CO2-Emissionen bis 2050 um 50 % im Vergleich zu 2005 reduzieren. Die norddeutschen Unternehmen und Forschungseinrichtungen forschen in diesem Zusammenhang an Triebwerken, Aerodynamik, alternativen Kraftstoffen, neuen Materialien und operativen Maßnahmen, um Kraftstoffverbrauch, Treibhausgasemissionen und Lärmbelästigung der Luftfahrt zu mindern.

In vielen Bereichen, wie dem Treibstoffverbrauch, geht ein höheres Maß an Umweltverträglichkeit mit ökonomischen Effizienzgewinnen einher. Andere Branchen, wie der Automobilbau und die Windkraftindustrie, können ebenfalls von Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten in der Luftfahrtindustrie profitieren. Der Einsatz neuer Materialien zum Beispiel ist auch für diese Industrien von Bedeutung, weshalb bereits branchenübergreifende Forschungsprojekte bestehen.

Insgesamt ist Norddeutschland in der Luftfahrtindustrie gut aufgestellt. Dennoch gibt es wichtige Handlungsfelder, um den Standort weiter zu stärken. Dabei haben der Ausbau der Bildungs- und Forschungskapazitäten sowie die Fachkräftegewinnung einen besonderen Stellenwert. Denn für technologieorientierte Unternehmen ist ihre Innovationsfähigkeit ein zentraler Erfolgsfaktor.

Die für die Zukunft zu erwartende Expansion des Flugzeugbaus in Norddeutschland geht mit einer zunehmenden Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften einher. Perspektivisch wird sich aufgrund der demografischen Veränderungen der Wettbewerb um Fachkräfte weiter verschärfen. Gleichzeitig führt der wissensbasierte Strukturwandel in allen norddeutschen Branchen zu einem steigenden Fachkräftebedarf. Insofern konkurrieren die Unternehmen der Luftfahrtindustrie nicht nur untereinander um die Fachkräfte, sondern auch mit anderen Industrien.

Grundlegend für Innovationserfolge und Produktivitätssteigerungen ist ein effizienter Transfer von Forschungsergebnissen in die industrielle Nutzung, zum Beispiel durch die Entstehung von Spinn-Offs, Unternehmensausgründungen aus Forschungseinrichtungen. Darüber hinaus sind Internationalisierungsstrategien, welche auch den kleinen und mittelständischen Unternehmen einen besseren Zugang zu den wachsenden Auslandsmärkten ermöglichen, ein wichtiges Handlungsfeld.


Studie

Biermann, F.; Bräuninger, M.; Bunde, H.; Stiller, S. (2012): Im Steigflug. Die Luftfahrtindustrie als Wachstumsmotor für Norddeutschland, Studie im Auftrag von Airbus, Hamburg. Eine Website zur Studie finden Sie unter: www.luftfahrtimnorden.de.