Arbeit, Demografie

Zuwanderer im Jobcenter – mehr „Fördern“ statt nur „Fordern“

26.10.2008 | HWWI Update | von Jan Schneider

Die Eingliederung von Migrantinnen und Migranten in den Arbeitsmarkt gilt als ein wichtiger Schlüssel, um Integration insgesamt zu fördern. Seit Jahren jedoch sind Ausländer etwa doppelt so häufig von Arbeitslosigkeit betroffen wie Deutsche. Eine aktuelle HWWI-Studie, gefördert durch die VolkswagenStiftung, zeigt, dass ein wichtiger Ansatzpunkt zur Verbesserung des Beschäftigungszuganges in politischen Maßnahmen im Bereich der Jobvermittlung durch Arbeitsagenturen und Jobcenter liegt.

Unter dem Motto „Fördern und Fordern“ wurde im Zuge der Hartz-Reformen das System der Vermittlung ausgebaut. Gleichzeitig wurden die Kriterien der Zumutbarkeit bei der Arbeitsaufnahme verschärft und die Sanktionsfolgen restriktiver ausgestaltet. Welche Auswirkungen hat dies auf die arbeitsuchenden Zuwanderer? Wie vollziehen sich ihre alltäglichen Kontakte mit den öffentlichen Stellen, die Arbeitssuchende betreuen bzw. Jobs vermitteln sollen? Welche Maßnahmen könnten auf der Ebene der Arbeitsagenturen und Jobcenter ergriffen werden, um die kulturelle Diversität ihrer Klientel produktiv zu berücksichtigen? Auf der Basis von 58 qualitativen Interviews mit Migrantinnen und Migranten hat das HWWI deren subjektive Erfahrungen mit den Behörden analysiert.

Erwerbslose Migrantinnen und Migranten zeigen grundsätzlich ein hohes Maß an Aktivität bei der Jobsuche und verfolgen auch im Hinblick auf Trainingsmaßnahmen oder Weiterbildung ihre Ziele ambitioniert. Besonders diejenigen mit einem Studien- oder Ausbildungsabschluss haben klare Vorstellungen von ihrem idealen Karriereweg. Auch wenn sie sich der beschränkten Möglichkeiten des Systems der Arbeitsvermittlung bewusst sind, erwarten sie zumindest Unterstützung bei der Beschäftigungssuche oder adäquate Fortbildungsangebote (Hilfe zur Selbsthilfe). Allzu oft entsteht bei Migranten jedoch der Eindruck, dass die Jobcenter bzw. Arbeitsagenturen ihnen nicht – oder zumindest nicht in einem befriedigenden Maße – helfen. Seit den Arbeitsmarktreformen 2005 dominiert in ihrer Wahrnehmung das Prinzip des „Forderns“ gegenüber dem Grundsatz des „Förderns“. So sieht eine hochqualifizierte Naturwissenschaftlerin mit guten Sprach- und EDV-Kenntnissen bewusst davon ab, Arbeitslosengeld II zu beantragen, da sie sonst gezwungen ist, Jobangebote als Küchenhilfe oder Reinigungskraft anzunehmen. Hinzu kommt, dass für Beratungsgespräche nur selten ausreichend Zeit besteht und die Ansprechpartner innerhalb der Behörden häufig wechseln.

Zielführend wäre, den Ansatz einer stärker individualisierten Betreuung mit dem Ziel eines stabilen und vertrauensvollen Arbeitsbündnisses „beschäftigungsorientiertes Fallmanagement“) gerade bei Kunden mit Migrationshintergrund auszubauen. Dabei muss innerhalb der Beratungssituation jeweils aufs Neue sichergestellt werden, dass diese sich aufgrund der „offiziellen“ Position des Vermittlers nicht in eine paternalistische Richtung entwickelt und Grundlagen der interkulturellen Kommunikation berücksichtigt. Vor dem Hintergrund der teilweise massiven Sanktionsmöglichkeiten (wie Kürzung des Arbeitslosengeldes) erfordert dies nahezu zwangsläufig einen Drahtseilakt, bei dem gerade der zuständige Vermittler vor der schwierigen Aufgabe steht, Vertrauen zu schaffen. Schlüssel dazu ist unter anderem ein größtmögliches Maß an Transparenz. Gerade Ausländer bzw. Menschen mit Migrationshintergrund haben oftmals geringe Kenntnisse über das System der Arbeitsvermittlung und bedürfen einer genaueren Aufklärung über behördliche Abläufe sowie ihre Rechte und Pflichten.

Darüber hinaus können Arbeitsagenturen und Jobcenter ihre Diversity-Kompetenz verbessern, das heißt die Vorteile, die sich möglicherweise aus der ethnischen Vielfalt ihrer Kunden ergeben, produktiv für die Arbeitsvermittlung nutzen. Bislang sind Diversity-Konzepte in der  alltäglichen Arbeit nur selten tatsächlich verankert. Zuwanderer berichten von Situationen, in denen sie sich benachteiligt fühlen, weil ihre Qualifikationen und Kompetenzen von Seiten der öffentlichen Stellen nicht ausreichend verstanden werden. Bestimmte Fähigkeiten oder Interessen, durch die sich Kunden mit Migrationshintergrund vielleicht gerade vom „Mainstream-Kunden“ unterscheiden, können von der standardisierten EDV-Eingabemaske nicht erfasst werden und bleiben im Beratungsgespräch verborgen. Dazu gehören zum Beispiel Berufsabschlüsse, die in Deutschland unbekannt sind, aber auch sprachliche und künstlerische Kompetenzen, die eine genaue und interkulturelle Würdigung des Einzelfalles erfordern. Unter Umständen wird somit ein Kunde aufgrund mangelnder formaler Qualifikationen als schwer vermittelbar eingestuft, verfügt aber über andere Kompetenzen, die an bestimmter Stelle nachgefragt sind.

Um ihre Vermittlungsleistungen für Migrantinnen und Migranten zu verbessern, sollten Jobcenter und Arbeitsagenturen im Rahmen einer  Professionalisierungsstrategie solche Diversity-Aspekte systematisch in ihrer Arbeit berücksichtigen. Sie könnten ihre Vermittlungsquote verbessern und würden damit eventuell auch wirtschaftlich effizienter arbeiten. Dies wäre sowohl für die Träger der öffentlichen Arbeitsvermittlung als auch für arbeitssuchende Migrantinnen und Migranten gleichermaßen ein Gewinn.

HWWI Research

J. Schneider, M. Fischer, V. Kovacheva (2008): Migrants in the Job Centre. Qualitative findings on migrants‘ experiences with Public Employment Support Services in Germany, HWWI Research Paper 3-16, Hamburg.