Konjunktur

Aktuelle HWWI-Konjunkturprognose

01.12.2021 | Pressemitteilung | von Jörg Hinze
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Erholung der deutschen Wirtschaft kommt 2022/2023

- Vor-Corona-Niveau wird erst in erster Jahreshälfte 2022 wieder erreicht

- Materialengpässe und Lieferprobleme verstärken Inflationsrisiken

(Hamburg, 1. Dezember 2021) Das Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) aktualisiert seine Prognose der Wirtschaftsentwicklung in Deutschland 2021/22 und erweitert sie um das Jahr 2023. Die deutsche Wirtschaft ist seit dem Frühjahr wieder aufwärtsgerichtet, doch wird die Erholung durch neuerliche Infektionswellen sowie Material- und Lieferengpässe gebremst. Nach dem Rückgang der Wirtschaftsleistung 2020 um 4,6 % wird für 2021 nun mit einem Zuwachs von 2 3/4 % und für 2022 mit einem von 3 ½ % gerechnet. Im Jahr 2023, wenn die Aufholeffekte nachlassen, wird das Wirtschaftswachstum dann 2 % betragen. Das Vor-Corona-Niveau wird, anders als in vielen anderen Ländern, erst in der ersten Jahreshälfte von 2022 wieder erreicht. Die Verbraucherpreise sind zunächst infolge von Basis- und Sonderfaktoren, dann auch wegen der Material- und Lieferprobleme deutlich gestiegen. Da diese Effekte aber im nächsten Jahr an Bedeutung verlieren, sollte sich der Inflationsdruck wieder vermindern. Die erwartete Erholung der Wirtschaft schlägt bereits positiv auf dem Arbeitsmarkt durch.

Im Detail

Die deutsche Wirtschaft erholt sich nur relativ langsam von den Lockdown-bedingten Einbrüchen im Frühjahr 2020 und Anfang 2021. Nach dem 3. Quartal dieses Jahres war das preis- und saisonbereinigte Bruttoinlands-produkt immer noch 1 % niedriger als im 4. Quartal 2019 vor Ausbruch der Pandemie. Andere Industrieländer, allen voran China und die USA, wie auch der Welthandel haben das Vorkrisenniveau bereits wieder überschritten; das hat mit zu den Materialengpässen und Lieferproblemen beigetragen. Trotz des erreichten Impfstatus hat sich in den letzten Wochen eine vierte Infektionswelle ausgebreitet, die die vorangegangenen – gemessen an den Infektionszahlen – weit übertrifft. Dies und die Material- und Lieferprobleme bremsen den Aufholprozess merklich. Besonders betroffen sind erneut vor allem die personenbasierten Dienstleistungen sowie die Industrie, insbesondere der Automobilbau. Im Schlussquartal dieses Jahres dürfte die gesamtwirtschaftliche Leistung deshalb allenfalls geringfügig zugenommen haben. Im Jahresdurchschnitt 2021 wird das Wirtschaftswachstum so lediglich 2 ¾ % betragen, nach einem Rückgang um 4,6 % im Jahr 2020.

In diesem Jahr haben überdies die Inflationsrisiken merklich zugenommen. Auf den Vorstufen sind die Preise teils zweistellig gestiegen. Aber auch die Verbraucherpreise haben sich deutlich erhöht, zuletzt um 5,2 %. Zunächst waren hierfür Sonderfaktoren verantwortlich, wie die Wiederanhebung der im zweiten Halbjahr 2020 reduzierten Mehrwertsteuer, die Anfang des Jahres eingeführte CO2-Abgabe sowie die im Vorjahrsvergleich sehr stark erhöhten Energiepreise. Zur gleichen Vorjahreszeit waren Erzeuger- wie auch Verbraucherpreise gesunken. Aber auch krisenbedingte Angebotsengpässe auf manchen Rohstoff- und Warenmärkten haben zum Preisauftrieb beigetragen. Im nächsten Jahr werden die Sondereffekte jedoch wegfallen und an den Märkten, an denen es zu Überhitzungen gekommen ist, kann es auch zu Preisrückgängen kommen.

Seit Herbst hat sich zwar eine neue Pandemiewelle entwickelt, der Impfumfang der Bevölkerung wie auch politische Erklärungen lassen – bislang – erwarten, dass es in diesem Winter keinen erneuten pauschalen Lockdown geben wird. So wird es zwar vorerst Einschränkungen für bestimmte Personengruppen und Großveranstaltungen geben, doch generelle Beschränkungen für ganze Wirtschaftsbereiche wie in den früheren Lockdowns sind wenig wahrscheinlich. Den Aufholprozess vorläufig weiter beeinträchtigen dürften zudem die noch andauernden Lieferengpässe in der Industrie und in der Bauwirtschaft, denn die Auftragslage ist dort gut. Mit Nachlassen dieser Effekte sollte aber ab etwa Frühjahr 2022 der Erholungsprozess nochmal zusätzlichen Schwung bekommen.

Die privaten Haushalte haben ihre während der vorangegangenen Lockdowns gezeigte Kaufzurückhaltung zu lockern begonnen und sie dürften ihr Konsumverhalten weiter normalisieren sowie ihre Sparquote reduzieren. Die Unternehmenserwartungen für die künftige Entwicklung sind ebenfalls recht positiv, sodass sich auch die Investitionsbereitschaft wieder erhöhen dürfte. Die öffentlichen Ausgaben werden nach Auslaufen der Finanzhilfen kaum mehr steigen. Die neue Regierungskoalition hat zwar umfangreiche Investitionen angekündigt, auf kommunaler Ebene wird die durch die Pandemie bedingte Neuverschuldung wohl aber die öffentlichen Investitionen dämpfen. Die Weltwirtschaft entwickelt sich bereits dynamischer, sodass die Auslandsnachfrage und damit die Exporte deutlich zunehmen dürften. Im Zuge des Aufholprozesses hierzulande werden aber auch die Importe spürbar steigen, sodass die Wachstumsimpulse von außen insgesamt gering sein werden. Die Dynamik des Erholungsprozesses wird nach Erreichen des Vor-Corona-Niveaus allmählich nachlassen und Richtung Potenzialpfad zurückschwenken. Dies wird sich dann vor allem 2023 bemerkbar machen. Im Jahresdurchschnitt 2022 wird das Wirtschaftswachstum etwa 3 ½ % betragen, im Jahresdurchschnitt 2023 immerhin noch 2 %.

Die Beschäftigung wird bei dieser Entwicklung weiter zunehmen und die Zahl der Arbeitslosen merklich zurückgehen; die Niveaus vor Pandemieausbruch dürften aber wohl erst Anfang 2023 wieder erreicht werden. Die Anstiegsrate der Verbraucherpreise wird im nächsten Jahr schon wegen der wegfallenden Basiseffekte wieder niedriger sein. Offen ist, wie schnell die in solchen volatilen Zeiten stark schwankenden Rohstoff- und Materialpreise wie auch Frachtraten sich stabilisieren oder sogar wieder sinken. Die Inflationsrate dürfte ab Anfang 2022 zurückgehen und im günstigen Fall nach der Jahresmitte 2022 sogar unterhalb von 2 % fallen. Im Laufe von 2023 dürfte sie sich dann in der Nähe der 2-Prozent-Marke einpendeln.

Die Corona-Pandemie wird die wirtschaftliche Entwicklung bis mindestens ins nächste Jahr hinein weiter beeinflussen. Mit fortschreitenden Impfungen besteht die Chance, die Pandemie in den Griff zu bekommen. Die jüngere Entwicklung hat aber auch gezeigt, dass die Auswirkungen neuer Mutanten kaum abschätzbar sind. In diesem Jahr haben sich zudem Inflationsrisiken aufgebaut. Sollten diese länger als erwartet andauern, bestünde die Gefahr von Kosten-Preis-Lohn-Spiralen und in der Folge geldpolitischer Restriktionen, die die Erholung ausbremsen könnten. Gewisse Unsicherheiten bringt auch der Regierungswechsel hierzulande mit sich. Die Orientierung hin zu mehr Klimaschutz und Digitalisierung beinhaltet sicherlich einiges Innovations- und Investitionspotenzial; deren Umsetzung wird aber auch von den Finanzierungsmöglichkeiten abhängen.

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Vollständige Darstellung aller makroökonomischen Aggregate (PDF)

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Autoren

Jörg Hinze